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30. Dezember 1983: Die Deutsche Reichsbahn und der West-Berliner Senat einigen sich auf die Übernahme der S-Bahn im West-Berliner Stadtgebiet durch den Senat.

 
Seit 1945 fuhr die Stadtbahn auf dem Territorium des britischen, amerikanischen und späteren französischen Besatzungssektors in Berlin unter der Regie der Sowjetunion. Die vier Besatzungsmächte hatten ein großes Interesse an einem funktionierenden Verkehrssystem in Berlin und gingen daher zunächst sehr vorsichtig miteinander um. Da man sich geeinigt hatte, alle kriegswichtigen Einrichtungen in Deutschland zu zerstören, wurden Bunker, oft in der Nähe von Berliner Bahnhöfen, gesprengt. Am Bahnhof Zoo hatten die Briten damit Probleme, weil alle Sprengversuche erfolglos blieben. Die britischen Pioniere wurden deshalb sogar verspottet, indem Jugendliche den Spruch „Made in Germany“ mit weißer Farbe angebracht haben sollen. Am Gesundbrunnen stand der Bunker unmittelbar an den Anlagen der Deutschen Reichsbahn. Bei einer Sprengung, die notwendigerweise sehr stark sein musste, befürchteten die Franzosen, dass die Gleise der Deutschen Reichsbahn in Mitleidenschaft gezogen werden würden. Darum sprengten sie nur den Teil des Bunkers, wo das nicht passieren konnte. 
Im Sommer 1949 änderte sich das Verhältnis der Alliierten grundlegend. Die Westalliierten entzogen der Deutschen Reichsbahn das Nutzungsrecht von Vermögen auf dem eigenen Territorium. Ausgenommen waren nur Liegenschaften die unmittelbar dem Verkehrsbetrieb im gesamten Berlin dienten. Die Sowjetunion übertrug den ganzen Verkehrsbetrieb der gerade gegründeten DDR. In der Bundesrepublik erkannte man die DDR nicht an. So fürchtete man von Seiten der DDR im Westteil Berlins die Betriebsrechte für die Gleisanlagen und die wichtigen elektrischen Schalt- und Gleichrichterwerke an den Kreuzungen zur Ringbahn zu verlieren. Gerne hätte man natürlich den Namen „Reichsbahn“ geändert. Aber hätte man eine „DDR-Staatsbahn“ akzeptiert? Also berief man sich auf die Vereinbarung von 1945 und konnte die Bahnanlagen im Westteil als DDR-Territorium und Teil der Deutschen Reichsbahn deklarieren. Parallel stellte man den Eisenbahnverkehr auf eine Umfahrung von West-Berlin um.
Der Betrieb der Stadt-Bahn im Westteil war mit dem Erwerb von Devisen verbunden, denn die Fahrkarten im Westteil Berlins wurden von den Fahrgästen natürlich in DM bezahlt. Das im Westteil wohnende Zugpersonal bezahlte man allerdings nur einen Teil in Westmark aus. Dafür waren die Reichsbahnmitarbeiter in der DDR kranken- und sozialversichert. Bald gab es Kampagnen von Seiten des Senats, die die Westberlinern aufforderte, die DDR durch die Benutzung der Stadtbahn nicht (!) mit zufinanzieren. Deswegen sollte man ausschließlich die U-Bahn unter der Regie der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) benutzen. Das Netz der BVG ist parallel dazu erheblich (zum Beispiel mit der Bau der heutigen U7) ausgebaut worden. Die heutigen Linien U6 und die U8 verkehrten allerdings unterirdisch durch Ostberlin. Bei der Teilung Berlins 1944/45 beharrten die Sowjets auf den damaligen Stadtbezirk „Mitte“, der nun wie eine Art „Nase“ in den Westteil hineinragte. Nach dem Mauerbau im Sommer 1961 hielten die Bahnen dann nnicht mehr im Ostteil. Nur am Bahnhof Friedrichstraße hielt die U6 und man konnte in die ebenfalls unterirdisch verkehrende S-Bahn (Nord-Süd-Bahn) umsteigen, oder von hier weiter über Lehrter Stadtbahnhof, Bellevue und Tiergarten zum Bahnhof Zoo fahren. Natürlich stellte die Berliner Verkehrsbetriebe (BVB) im Ostteil für die Schienenpflege Rechnungen an die BVG, so dass streng genommen die Westberliner, wenn er die DDR nicht finanzieren wollte, nur noch mit den anderen, ausschließlich im Westteil Berlins verkehrende U-Bahnen  und Bussen hätten fahren dürfen.
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An den Bahnhöfen im Westteil Berlins war die Rechtslage bis 1983 nicht vollständig geklärt. Wo war die Westberliner Polizei zuständig und wo genau nicht? Die Transportpolizei der DDR war in bestimmten Bereichen unterwegs, konnte das aber alles gar nicht absichern. Wie sollten die blau-uniformierten Beamten auf die „Inseln der Deutschen Reichsbahn“ im Westteil gelangen, ohne selbst in dem für sie rechtsfreien Raum unterwegs zu sein? Diese Räumen wurden zudem gerne von Menschen genutzt, die etwas zu verbergen hatten. Dass sich die Drogensüchtigen im Westteil gerne am Bahnhof Zoo aufhielten ist so beispielsweise zu erklären. Das Buch „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ von 1978 hat also streng genommen mit der ungeklärten und schwierigen Situation hier zu tun. In der DDR verwies man dagegen gerne auf diese Menschen als typische „Produkte des Kapitalismus“. 
Alle Widersprüche und Streitigkeiten zwischen der Deutschen Reichsbahn und dem Berliner Senat sollten also heute von 35 Jahren endgültig geklärt werden.

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