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Manchmal habe ich die Mauer wochenlang nicht gesehen

Viele Menschen dachten an eine Stadt in der Art des mittelalterlichen Nürnbergs mit einer Stadtmauer. Eine Stadt in der man ständig auf die Mauer stößt. Nichts konnte falscher sein. Westberlin hatte eine Fläche von 479,9 km2. 1989 lebten dort 2.130.525 Menschen.

Neben Waldgebieten hatte Westberlin auch große Wasserflächen. Der große Wannsee mit 2,732 km² ist eine von vielen. Spree und Havel sowie zahlreiche kleinere Flüsse und Kanäle machten Westberlin zu einer Wasserstadt. An vielen Stellen war die etwa 1690 km lange „Mauer“ eine nasse Grenze.

Westberlin war so groß, dass man die Grenze oft über längere Zeit nicht sah. Ein Zeitzeuge berichtet:

Ich wurde 1963 in Berlin-Tempelhof geboren und für mich war die Mauer völlig normal. Ich wohnte mit Blick auf den Flughafen Tempelhof im amerikanischen Sektor und daher war der Anblick von US Soldaten für mich eine Selbstverständlichkeit. Für manche Aeltere waren es Besatzungstruppen, für viele Beschützer.

Meine ersten Reisen waren Flüge, alle mit der PANAM, der US Fluggesellschaft, die Westberlin anflog.

1972 trat das Viermächteabkommen in Kraft und es folgte das Transitabkommen, das es den Westberlinern erlaubte, nach Westdeutschland per Auto oder Bahn zu reisen. Genauer gesagt den meisten – Tausende durften die Transitwege nicht benutzen. Republikflüchtlinge, manche Angehörige der Westberliner Verwaltung aber auch andere konnten Westberlin nur auf dem Luftweg betreten oder verlassen.

Für jede Fahrt wurde an der Grenze durch die DDR Grenzer ein Visum ausgestellt. Für Einwohner West-Berlins wurde ein extra Blatt in den „behelfsmäßigen“ Berliner Personalausweis eingelegt, denn die von der Bundesrepublik ausgestellten Reisepässe für Einwohner West-Berlins wurden von den Behörden der DDR nicht anerkannt.

Meine ersten Erinnerungen an die Grenzübertritte sind mit Autofahrten verbunden. In den frühen Jahren musste man parken und in eine Baracke gehen, in der die Visa erstellt wurden. Später wurde die Abfertigung mechanisiert. Die Kontrollpunkte hatten mehrere Spuren. Manchmal wurde man von einem Grenzer in eine Spur eingewiesen, manchmal durfte man frei wählen. Und wie an der Kasse im Supermarkt versuchte man zu raten, wo es am schnellsten ging. Ein Grenzer in einem Glaskasten nahm die Papiere an sich und tat sie nach einer ersten Kontrolle in eine Mappe. Die landete auf einem abgedeckten Förderband. Was bei uns immer Befürchtungen auslöste, denn hin und wieder hat die Anlage Ausweise gefressen. Am Ende des Förderbands war eine Baracke und diese hatte einen Erker, in dem ein weiterer Grenzer saß und die Papiere und Visa nach der Bearbeitung aushändigte. Aber wehe, man fuhr am Stoppschild vorbei, ohne von ihm vorher heran gewinkt zu werden. Oder man reagierte ihm nicht schnell genug. Beides konnte dazu führen, dass man aus der Spur fahren musste und eine Sonderkontrolle bekam. Die konnte sich über Stunden hinziehen. In den ersten Jahren wurde fast jedes Fahrzeug genau untersucht. Sitzbänke wurden ausgebaut und jeder Winkel der Kofferräume genau unter die Lupe genommen. In den 80er Jahren geschah dies selten.

Das Gefühl, das ich als Westberliner beim Transit hatte, lässt sich schwer beschreiben. Es war nicht direkt Angst, aber immer Unbehagen. Die Volkspolizei kontrollierte die Geschwindigkeitsbegrenzungen genau, tatsächliche oder angebliche Verstöße spülten große Summen Westgeld in die immer leeren DDR Kassen. Selbst ein Fahrtenschreiber schützte nicht, ein Volkspolizist hatte immer Recht. Ich selber habe 1981 mit 18 meinen Führerschein gemacht und hatte Glück, ich wurde nie zur Kasse gebeten. Doch habe ich als Beifahrer erlebt, wie mein Vater wegen eines angeblichen Verstoßes angehalten wurde. Man hielt den Mund und zahlte. Auch wenn man völlig unschuldig war. Nur Dummköpfe stritten sich, denn man konnte nicht gewinnen.

Da ich weit weg von der Mauer wohnte, habe ich sie nur relativ selten gesehen und nur einmal erlebte ich, dass geschossen wurde. Es war wohl ein Warnschuss, der Grenzer hatte aber so gefeuert, dass die Kugel ein Haus in Westberlin traf. Zum Glück wurde niemand verletzt. Es erschien die Westberliner Polizei, die nicht zuständig war, dann amerikanisches Militärpersonal. Sicher gab es den üblichen Protest, der wie immer zu den Akten gelegt wurde. Es gab eine kleine Zeitungsnotiz.

Ich hatte nur entfernte Verwandte in Ostberlin, so bin ich selten „drüben“ gewesen. In all den Jahren rund zehn Mal. Der Zwangsumtausch (Im DDR-Deutsch Mindestumtausch) war ein guter Grund, nicht nach Ostberlin zu wollen. Er betrug für Bürger der Bundesrepublik Deutschland und Westberlins zuletzt pro Tag 25 Mark der DDR im Kurs 1 : 1 (eine Mark der DDR gegen eine D Mark der Deutschen Bundesbank). Nur war die DDR Mark international weit weniger wert. In den Wechselstuben Westberlins erhielt man für eine DM über vier Ostmark. Aus- und Einfuhr von DDR-Mark war verboten. Als meine Schulklasse einen Tagesbesuch in Ostberlin machte, hatten wir Probleme das Geld loszuwerden. Wir gingen in das teuerste Restaurant im Palast der Republik, gönnten uns auch sonst alles, was wir wollten und hatten vor der Ausreise noch immer DDR Geld. Es gab einfach kaum etwas, das wir hätten kaufen und mitnehmen dürfen und haben wollen. Buchläden z.B. boten so gut wie keine interessanten Bücher. Was tun? Wir haben es in die Schalen der Fahrkartenautomaten am Bahnhof Friedrichstraße gelegt.

Restaurants in Ostberlin lockten mich ohnehin nicht. Verwandte luden meine Eltern und mich einmal in das beste Fischrestaurant Ostberlins ein. Wir wurden gefragt, ob wir etwas von der Salatbar wollten. Diese Salatbar“ werde ich nie vergessen. Je ein Kopf Weiß- und Rotkohl, eine Reibe und ein Kännchen Öl. Und als besonderes Fischrestaurant? Jeder Italiener in Westberlin hatte mehr Fischsorten zur Auswahl.

Abgesehen von einigen Museen reizte mich die Stadt wenig. Die ganze DDR wirkte grau, es fehlte offensichtlich an vernünftigen Wandfarben. Wie hunderttausende Westberliner war ich immer froh, zurück im Westen zu sein. Viele hatten die Angewohnheit, nach der Transitautobahn die Bärenstatue, die auf der Westseite an der Autobahn stand (und steht), mit kurzem Hupen zu grüßen. Manche alten Westberliner machen das noch heutzutage, sehr zur Irritation der Jüngeren oder Fremden.

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