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22. Dezember 1976: Der ARD-Fernsehkorrespondent Lothar Loewe wird „wegen schweren Verstoßes gegen die Rechtsordnung“ aus der DDR ausgewiesen. Loewe hatte in einer Reportage für die „Tagesschau“ gesagt, an der innerdeutschen Grenze werde „auf Menschen wie auf Hasen“ geschossen.

Lothar Loewe hatte einen Tag zuvor die Fassung verloren und angesichts der herrschenden Verhältnisse vielleicht sogar bewußt eine imaginäre Schwelle überschritten. Der ZDF-Moderator Jan Böhmermann hatte 40 Jahre später ebenfalls so eine Schwelle überschritten. Im Gegensatz zu Lothar Loewe 1976 musste Böhmermann nicht innerhalb von 48 Stunden das Territorium eines souveränen Staates verlassen. Er wurde von türkischen Behörden und ihrem Präsidenten juristisch verfolgt. Während der Ausstrahlung von Böhmermanns Schmähkritik  (sowie man in Deutschland keine Schmähkritk üben dürfe…liefen türkischsprachige Untertitel…
Lothar Loewe dagegen sagte laut und deutlich auf deutsch, dass an der innerdeutschen Grenze „auf Menschen wie auf Hasen“ geschossen werde. Alle Landsleute in Ost und West verstanden ihn ohne Untertitel. Diese kleine Affäre schaffte es natürlich auch nicht in die internationalen Medien…
 Das war das Problem aus der DDR-Sicht, dass die Sprache nach dem Mauerbau immer noch die gleiche blieb. Natürlich hatte man in der DDR versucht eine „Zwei-Nationen-Theorie“ zu entwickeln, die von einer sozialistischen deutschen Nation in der DDR ausging. Deshalb sprach man früh von einer Nationalhymne in der DDR, obwohl die deutschen Nation gar nicht befragt worden war. Und, deshalb durfte diese DDR-Hymne spätestens seit der Machtübernahme Erich Honeckers 1971 nur noch intoniert werden. Der Hymnentext von Johannes R. Becher beinhalte, übrigens auf ausdrücklichen Wunsch von DDR-Präsident Pieck, den Wunsch nach „Deutschland, einig Vaterland“. Dem Dilemma der unverändert gleichen Sprache begegnete man ideologisch mit dem Postulat einer „DDR-Identität“. Man erhoffte sich die Entwicklung eines eigenen „Nationalbewusstseins“.
Doch 1976 verstanden alle Deutschen sehr gut, was Lothar Loewe da sagte, auch ohne Untertitel. Und, weil es nicht zu leugnen war, und weil viele Ostdeutsche natürlich glauben sollten, dass sie die besseren „Deutschen“ waren, durfte man solche Vergleiche nicht ungestraft in der DDR über die DDR-Sicherheitsbehörden aussprechen. Die Sicherung der innerdeutschen Grenzen blieb gleichzeitig die Existenzbedingung und die Achillesferse der DDR.
Drei Jahre zuvor waren beide deutsche Staaten in die Vereinten Nationen aufgenommen worden. Vor allem für die DDR war das ein unbedingter Prestigegewinn. Es kam fast zu einer Überlastung bei der Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit all den vielen Staaten. Vor allem die Versorgung mit Immobilien im Ostteil war gar nicht so einfach, denn schließlich wurden oft Kanzleien und Residenzen gebraucht. Zwischen den beiden deutschen Staaten gab es seit 1972 zwar den Grundlagenvertrag (https://de.wikipedia.org/wiki/Grundlagenvertrag), aber richtige diplomatische Beziehungen nahmen die beiden deutschen Staaten auf dieser Grundlage nicht auf. Stattdessen gab es jeweils eine Ständige Vertretung im jeweils anderen „Hauptstadt“. Die einzelnen Ständigen Vertreter mussten sich jeweils beim Staatsoberhaupt ähnlich Botschaftern akkreditieren. 
Auch Lothar Loewe hatte sich zwei Jahre zuvor, Ende 1974 akkreditieren lassen müssen: als ARD-Korrespondent. Diese Akkreditierung hatte er nun kurz vor Weihnachten 1976 verloren. Bereits im Sommer 1976 strapazierte Lothar Loewe die DDR-Behörden. Er berichtete über die Selbstverbrennung des Pfarrers Oskar Brüsewitz (https://de.wikipedia.org/wiki/Oskar_Brüsewitz) in Zeitz. DDR-Bürger erfuhren überhaupt erst dadurch etwas von dem Protest Brüsewitz’. Die ARD strahlte ihr Programm auf das Territorium der DDR aus und konnte dort, z.B. ganz normal in Zeitz empfangen werden. Nahe der innerdeutschen Grenze war der Empfang von ZDF und ARD sowieso gar kein Problem. Das selbe galt für das weitere Umfeld vom Westteil Berlins. Der Sender Freies Berlin (SFB) war ein Teil der ARD und verstärkte das Signal für die ostdeutschen Brüder und Schwestern. Allein der äußerste Südosten (Bereich Dresden) und Nordosten (z.B. die Insel Rügen) waren auf den Empfang von DDR-Fernsehen reduziert. Dafür war hier das polnische bzw. tschechoslowakische Fernsehen zu empfangen, natürlich auf polnisch bzw. tschechisch. Es gab in der DDR den Witz, die Bedeutung ARD sei: Alles außer Rügen Dresden. Der Empfang von Westfernsehen ist Anfangs (ab den 1950er Jahren) streng verfolgt worden. Mitglieder der Freien Deutschen Jugend (FDJ) zogen über die Dächer und verdrehten die Antennen. Wer bei dem Empfang von ARD und ZDF erwischt wurde, konnte in den 1960er Jahren mit Gefängnis bestraft werden. Später soll man im SED-Politbüro erkannt haben, dass in den Bereichen der DDR, wo keine Westmedien ohne weiteres empfangen werden konnten, die Ausreiseanträge besonders hoch waren. Die Westmedien zeichneten eben ein gutes Bild vom Alltag in der Bundesrepublik. Bei DDR-Bürger, die die Widersprüche des bundesrepublikanischen Alltages nicht erkannten, entstanden falschen Vorstellungen, an denen sie letztlich zerbrechen konnten. Angeblich sollte 1989/90 im Tal der Ahnungslosen (Dresden) für den Empfang von ARD und ZDF eine große Antenne entstehen. Davon war man in der DDR 1976 weit entfernt und Lothar Loewe musste „gehen“ bzw. im „Westen bleiben“, wie Wolf Biermann (https://de.wikipedia.org/wiki/Wolf_Biermann) nur fünf Wochen vorher. 

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schmidt-helmut