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Drüben, das war für die Bürger West- und Ostdeutschland das jeweilige andere Deutschland.

Im Westen reagierten viele genervt wenn ihnen Kritik an den politischen und sozialen Verhältnissen in Bundesrepublik und Westberlin entgegenschlug. Die simplifizierende Antwort: „Geh doch mach drüben, wenn es dir hier nicht gefällt!“ war tausendfach zu hören.

Besonders junge Leute, die die unmittelbare Nachkriegszeit in Berlin nicht bewusst erlebt hatten, konnten mit dieser Antwort nichts anfangen. Sie verstanden nicht, wie die Menschen in Westberlin die Entwicklung zur Teilung erlebt hatten. Und das diese Erlebnisse bei vielen ein tiefes Misstrauen gegen „alles Linke“ erzeugt hatten.

Anders als die konservativen und sozialdemokratischen Parteien kam die KPD 1945 aus Moskau mit fertigen Strukturen in das zerstörte Deutschland. Die KPD und die spätere SED betonten zwar immer wieder, dass sie für ein demokratisches Deutschland eintraten, in der Praxis wurden alle  anderen Parteien in ihrem Machtgebiet behindert.

Bis heute wird von Linken das eine berühmte Zitat von Rosa Luxemburg bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit angebracht. Das von der Freiheit. „Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden.“  Wenige Zitate werden so falsch wie dieses verwendet. Liest man den Brief aus dem es stammt wird schnell klar: Es ging ihr nur um Andersdenkende innerhalb der KPD. Es gibt massenhaft andere Luxemburg Zitate die ihre Neigung zur Zerschlagung anderer Parteien belegen.

Und genauso hielt es die SED seit ihrer Gründung 1946. Die Arbeiterunruhen vom 17. Juni 1953 und der Mauerbau im August 1961 zeigten was die Einheitspartei wirklich von Demokratie hielt.

Im Westen war die große Menge der Bürger mit dem System einverstanden. Man sah Fehler aber mit der DDR vor Augen wollte man keinen sozialistischen Einheitsstaat. Die heute unter dem Begriff „68er“ zusammengefassten Bewegungen waren keine Revolution. Die Bundesregierung reagierte mit den Notstandsgesetzen panisch auf eine Situation die gar nicht so war wie es ihr erschien.

Die sozialliberale Koalition kaperte 1969 mit dem Willy Brandt Diktum „Mehr Demokratie wagen“ die Reformbewegung. Für die Außerparlamentarische Opposition  wurde die SPD daher wieder zu „Sozialfaschisten“. Einige prominente Protagonisten der Studentenbewegung wechselten sogar in das rechtsextreme Spektrum. Der bekannteste dürfte Horst Mahler gewesen sein.

Bis heute herrscht keine Einigkeit ob die 68er Bewegung mehr positives oder mehr negatives brachte. Viele Forderungen der „Bewegten“ klingen heute absurd. So mancher alter  APO 68er ist heute in den Parteien fest etabliert und wird nicht gerne an seine damaligen Forderungen erinnert. Teil der sexuellen Befreiungstheorie war z.B. auch Sex mit Kindern. Und die Rolle der Frauen war keineswegs so gleichberechtigt wie es schien. So mancher auf der Straße ultralinke WG Bewohner führte sich als Pascha auf.

Aber es gab auch Menschen die an einen sozialistischen Staat glaubten. Neben dem Strom von Millionen Menschen die in den Westen gingen gab es auch einen Bach von Menschen die den umgekehrten Weg gingen. Menschen die die sozialistische DDR als auf dem Weg zum wahren Marxismus befindlich glaubten.

Wer propagandistisch wertvoll war wurde in der DDR hofiert. Das wohl bekannteste Beispiel ist der US Bürger Dean Reed. Der in den USA mäßig erfolgreiche Künstler war in Südamerika weit beliebter und wurde dort Marxist. Da er in Chile verfolgt und ausgewiesen wurde kam er nach Europa. Spanien, die UDSSR und Italien waren Stationen seiner Karriere. Im November 71 verliebte er sich bei einer Filmveranstaltung in der DDR in das verheiratete Model Wiebke Dorndeck. Er zog 1972 in die DDR und heiratete sie nach ihrer Scheidung. In sechs Jahren drehte er fünf Filme. Die DDR Propaganda stellte ihn als „den guten Amerikaner“ heraus. Tatsächlich behielt er die US Staatsbürgerschaft, im Garten des von ihm angemieteten Wassergrundstücks hing die US Fahne die er in Chile bei einer Demo vom US kapitalistischen Schmutz symbolisch gereinigt  hatte. Er erklärte „Ich bin Marxist, was auch immer ich singe.“. So fand er für Menschenrechtsverletzungen in sozialistischen Ländern Entschuldigungen. Wichtiger als Reisefreiheit sei, dass es in der DDR keine Arbeitslosigkeit gäbe. Aber seine Karriere schlief ein.

Und in den 80ern wachte Reed langsam auf. Die Stasiakten aus dieser Zeit enthalten viele regimekritische Aussagen. Die SED ermahnte ihn doch er blieb ein Störfaktor. Aber in US Sendungen rechtfertigte er weiter den Mauerbau, sein Traum von einer neuen US Karriere platzte daher.

Am 13. Juni 1986 beging Reed Selbstmord. Sein 15 seitiger Abschiedsbrief blieb bis zum Ende der DDR unter Verschluss. Die Aktuelle Kamera meldete den Tod als „Tragischen Unglücksfall“. Wilde Spekulationen entstanden, KGB oder Stasi hätten eine Rückkehr in die USA verhindern wollen, andere fabulierten über einen CIA Mord.

Es gab auch Menschen die in den „goldenen Westen“ gekommen waren und sich nicht zurecht fanden.

1977 war Frank Heyda im Rahmen der deutsch-deutschen Familienzusammenführung im Alter von 14 von der DDR in den Westen übergesiedelt. In seiner neuen Heimat Hannover erlebte er Geldnot und musste feststellen, dass er mit dem System nicht klar kam. So beschloss er 1981 in die DDR heimzukehren. Er fuhr zum Grenzübergang und erklärte den Grenztruppen der DDR er wolle wieder zurück.

Wenn er gedacht hatte, er würde mit offenen Armen empfangen hatte er sich schwer geirrt. Er landete im „Zentralen Aufnahmeheim Röntgental“ in der Mark Brandenburg. Jeder Einwanderer musste es passieren. Die Staatssicherheit überprüfte ihn dort intensiv. Agenten im Westen forschten nach ob er Kontakte zu Westgeheimdiensten gehabt hatte. Schier endlose Verhöre und Langeweile lösten sich ab. Er durfte das Heim nicht verlassen, bewaffnete Wachen patrouillierten hinter dem hohen Zaun. Zwar gab es eine Kegelbahn, Tischtennisplatten und Fernseher, doch er sollte vor allem die Bibliothek nutzen um sich mit dem real existierenden Sozialismus vertraut zu machen.

Es wurde auch erwartet, dass Kritik am Westen geäußert wurde, in den Akten vom Menschen die das Heim passierten finden sich entsprechende Aussagen. Sätze wie  „Ich wollte in die DDR weil ich mich als Arbeiterkind nicht von den faschistischen Offizieren der Bonner Söldnerarmee für einen neuen Raubkrieg drillen lassen will“ dürften kaum in den Köpfen der Befragten entstanden sein. Viele junge Menschen hatten ein diffuses Bild von der DDR, sie waren mit den Autoritäten (Schule, Polizei, Arbeitgeber) nicht klargekommen und hofften auf ein besseres Verhältnis zur Obrigkeit. Menschen die Probleme hatten sich Autoritäten unterzuordnen waren aber in der DDR falsch.

Manche Bewohner des „Heims“ waren nicht wirklich freiwillig dort. So der spätere brandenburgische Innenminister Alwin Ziel. Er war 1988 nach einem Besuch in Hamburg geblieben. Er wollte seine Familie nachholen, doch das MfS drohte die Kinder in ein Heim zu stecken. Nach vier Monaten kehrte Ziel zurück. . „Das war wie Knast“, berichtete  Ziel nach dem Mauerfall, „die ganze Mühle, die da existierte, war so aufgebaut, dass die Insassen kleingemacht werden sollten. Sie sollten ihr Selbstbewusstsein verlieren.“

Typisch für die DDR war, dass die Anlage von Geheimhaltung umgeben war. In der Umgebung kursierten Gerüchte. Die Vermutungen reichten von einem Stasigefängnis (Was nicht ganz falsch war) über ein Versteck für RAF Terroristen bis zu einem Waffenlabor. Der siebenstöckige Plattenbau lag in einem Wäldchen Acht Baracken gruppierten sich um das Hauptgebäude. Ausgelegt für bis zu 200 „Gäste“ waren meist um die 30 Einwanderer dort. 114 Mitarbeiter des MfS betreuten sie. 

Psychologische Betreuung gab es nur im negativen Sinn, die Menschen sollten zunächst einmal gebrochen werden.

Der 18 jährige Heyda verbrachte Monate dort. Als er immer wieder gefragt wurde wer ihn geschickt hatte rebellierte er. Da ein Hungerstreik nichts brachte zerstörte er die Möbel in seinem Zimmer. Wenig später wurde er von einigen Herren des MfS in ein Auto gesetzt und zum Grenzübergang gefahren. Der nicht angepasste junge Mann wurde abgeschoben.

Der wohl letzte Einwanderer in die DDR kam im September 1989. Der Schriftsteller Ronald M. Schernikau hatte die Zeichen der Zeit verkannt. Am 9. November öffnete sich die Mauer. Statt einer reformierten DDR entstanden die ostdeutschen Bundesländer.