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Dienst bei der Grenztruppe – Wer bewachte die Mauer

Nachdem die Grenzen der sowjetischen Zone erst einmal nur von der Roten Armee bewacht wurden, stellte man am 1. Dezember 1946 eine paramilitärische Polizeieinheit für diese Aufgabe auf. Zunächst einfach Grenzpolizei genannt, wurde sie im Mai 1952 in Deutsche Grenzpolizei umbenannt. Ab Mai 1952 bis Juni 1953 unterstand sie direkt dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS), davor und danach dem Ministerium des Inneren.

Nach dem Mauerbau wurde sie am 15. September 1961 dem Ministerium für nationale Verteidigung als Kommando Grenze unterstellt. Die Einheiten welche die Personenkontrollen an den Kontrollpunkten durchführten unterstanden, unter der Bezeichnung Passkontrolleinheiten (PKE), der Hauptabteilung VI des MfS.

Diese Männer und Frauen, mit denen der Transitreisende oder Tourist den direkten Kontakt hatte, gehörten also zur Stasi.

Die Einführung der Wehrpflicht in der DDR im April 1962 führte dazu, dass von da ab auch Wehrpflichtige bei den Grenztruppen dienten. Um den militärischen Charakter zu betonen, wurden im Oktober des Jahres militärische Grenzregimenter gebildet.

Bis 1971 gehörten sie zur NVA doch nun wurden sie offiziell ausgegliedert, um bei den Abrüstungsverhandlungen bei den Truppenstärken zu tricksen. In der Praxis waren sie nun eine eigenständige Waffengattung, die direkt dem Ministerium für Nationale Verteidigung unterstellt war.

In den 80er Jahren hatten die Grenztruppen eine Stärke von 44.000 Menschen erreicht.

In der DDR Propaganda wurden sie als Elitetruppe dargestellt die essenziell für die Bewahrung des Friedens und der Staatsform sei. So wie die Mauer als „Antifaschistischer Schutzwall“ verklärt wurde, wurden die Gefängniswärter des Volkes als Helden gefeiert. Der 1. Dezember wurde als „Tag der Grenztruppen“ begangen. Doch trotz aller Propaganda gab es nicht genug Freiwillige für die Grenztruppen.

Der Dienst bei ihnen war nicht attraktiv. Die vom Staat gestellten Wohnungen für Familien waren schlecht und das Einkommen nicht hoch. Selbst die Offizierslaufbahn war nicht vielversprechend. Wie in allen Bereichen der DDR hingen Aufstiegschancen direkt mit politischer Zuverlässigkeit zusammen. So waren über 90% der Offiziere Parteimitglieder und auch außerhalb der PKE waren über 20% der Grenzer Angehörige der Staatssicherheit.

Anders als bei der PKE bestand die Masse der Posten an der Mauer aus Wehrpflichtigen.

Es ist interessant, dass die ehemaligen Grenzer sich heute, mit wenigen Ausnahmen, als ganz normale Soldaten verstehen. (Ähnlich wie die Angehörigen der Waffen SS nach 45). Aber hatte man keine Wahl? Die Berufssoldaten der Grenztruppe dienten alle freiwillig und keiner von ihnen kann behaupten, nichts von den Schüssen an der Mauer (Schießbefehl) gewusst zu haben. Bis heute leugnen die Verantwortlichen die Existenz des Schießbefehls, so wie Wehrmachtsführer den Kommissarbefehl nach 45 leugneten. Neben den vorhandenen Dokumenten gibt es zahlreiche Zeitzeugenaussagen die belegen, dass der Befehl bei der Truppe erwähnt wurde.

Es war aber nicht ganz so einfach. Der Zeitzeuge Andreas Weiß hatte bei der Ausbildung auf die Frage: „Warum wir Grenzdienst leisten“ geantwortet: „Dass wir den Grenzübertritt von DDR-Flüchtlingen notfalls mit der Schusswaffe verhindern sollen.“

Die richtige Antwort wäre gewesen: „Wir haben Grenzdurchbrüche von West nach Ost und andere Sabotage-Akte seitens der westdeutschen Reaktionäre zu verhindern. DDR-Flüchtlinge sind Verbrecher. Sie würden von der Polizei oder den Grenzhelfern im Hinterland gestellt.“ Er erhielt eine 5 im Politikunterricht.

Und die Wehrpflichtigen? Typisch sind die Aussagen von Frank Pergande, später politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin: „Ich konnte nichts dagegen tun, im Grundwehrdienst zur Grenze gezogen zu werden.“ Er fährt dann damit fort, dass wer studieren wollte, den Wehrdienst leisten musste. Möglichst mit Verpflichtung für 18 weitere Monate nach dem Grundwehrdienst.

Nun hatte man aber als DDR Bürger durchaus die Möglichkeit den Wehrdienst mit der Waffe legal zu verweigern. Nur konnte man als Bausoldat nicht studieren oder große Karriere machen. Es war also simpler Opportunismus, der die jungen Männer an die Grenze führte. Und nicht alle Wehrpflichtigen Grenzer hatten Abitur.

Es war aber keineswegs so, dass alle Grenzer 100 prozentige Anhänger der DDR waren. Im Gegenteil, kaum eine Bevölkerungsgruppe wurde von der Stasi so stark überwacht wie die Grenzer. Im Grenzgebiet gingen sie paarweise Streife. Bei der streng geheimen Postenplanung durch die Vorgesetzten wurde stets darauf geachtet, dass einer der beiden über jeden Zweifel erhaben war. Erst unmittelbar vor Dienstantritt erfuhr der Soldat mit wem er Dienst tun würde. Da die Gruppe aber nur neun Soldaten hatte, war das keine sehr effektive Maßnahme. Die Männer wurden vom MfS in drei Gruppen geteilt: „Kern (positiver Teil des Kollektivs), Reserve (schwankend und unklar), und Rest (hemmend und negativ)“. Die Grenzer selbst sprachen dabei von den „verschiedenen Blutgruppen“.

Im ersten Diensthalbjahr hatte der Wehrpflichtige die Grundausbildung zu absolvieren. Der Politunterricht wurde dabei besonders ernst genommen.

An der Grenze angekommen merkte der Wehrpflichtige schnell wie weit Propaganda und Realität auseinanderlagen. Statt die DDR gegen äußere Feinde zu schützen war man eingesetzt die eigene Bevölkerung an der Flucht zu hindern.

Die Unterbringung in Kasernen war typisch militärisch spartanisch und der tägliche Dienst langweilig. Dazu kam Misstrauen gegenüber den Kameraden. Jeder konnte ein Stasispitzel sein. Entgegen der offiziellen DDR Einstellung zu den Grenzern waren sie in der Bevölkerung nicht beliebt. So trugen die Wehrpflichtigen bei ihren wenigen Ausgängen möglichst keine Uniform.

Frust machte sich breit und so mancher drückte sich nach Möglichkeit. So finden sich in den erhaltenen Dienstakten nicht selten Eintragungen wie: „Er wurde im Postenturm schlafend angetroffen.“ Das war nicht ohne Risiko, so wurden die beiden vom NVA Deserteur Werner Weidenhold erschossenen Grenzer, nach Untersuchungen der Stasi, wohl im Schlaf getötet.

Dagegen waren die Strafen bei Vergehen nicht hoch, wurde man erwischt gab es Urlaubssperren oder ein paar Tage „Bau“.

Der Dienst war in drei Schichten geteilt, acht Stunden Grenzdienst, dann acht Stunden Bereitschaft und dann acht Stunden Schlaf.
An der Grenze galten strenge Regeln, deren Nichteinhaltung betraft wurde. Es galt Rauch- und Sprechverbot, die Trennung vom Partner war verboten,

Natürlich war Kontaktaufnahme mit Westdeutschen verboten. Man musste sich möglichst außer Sicht halten, damit man nicht von der „Feindseite“ aus gesehen wurde. Ein typischer Tagesbefehl lautete: „Posten mit Postenführer eingesetzt (Ortsangabe) mit der Aufgabe, Grenzverletzer aufzuspüren und zu vernichten.“

Die Befehle sahen vor, dass bei Begegnungen die Tagesparole abgefragt wurde. Gab es keine richtige Antwort musste (!) laut Befehl geschossen werden. Es galt: Besser einen gezielten Schuss abgeben als einen Warnschuss oder Fehlschüsse. So kam es immer wieder zu Unfällen bei denen Grenzer andere Grenzer anschossen.

Der eintönige Dienst und das unangenehme Klima bei den zwischenmenschlichen Beziehungen führten zu einer Zahl von Suiziden.

Der Zeitzeuge Weiß berichtet; „Unsere Kompanie bestand aus vier Zügen. Zu jedem Zug gehörten zehn Soldaten und ein Zugführer im Rang eines niederen Offiziersgrades oder eines Berufssoldaten. Die Zugführer hatten den schlechtesten Stand. Sie wurden von oben getreten und mussten sich ständig mit der Renitenz der Soldaten herumschlagen. An der Grenze habe ich selbst erlebt, wie ein Zugführer unserer Kompanie sich mit der Kalaschnikow erschossen hat. Es war ein Unteroffizier, der den psychischen Druck nicht mehr ausgehalten hatte.“

Neben der Angst vor den Stasi Spitzeln gab es auch die Angst vor dem Kameraden, der evtl. eine Flucht plante.
Zwischen 1977 und 1986 flüchteten 107 Angehörige der Grenztruppen nach Westdeutschland (90) und West-Berlin (17). 69 von ihnen waren Mannschaftsgrade. Die Verstärkung der Grenzanlagen in den 80er Jahren richtete sich in erster Linie nicht gegen zivile Flüchtlinge, sondern gegen die Grenzer selbst. In den ersten Jahren, bis 1970, waren über 1500 Grenzer geflohen. Durch die schwierigeren Bedingungen sank die Zahl der Fluchten bei Grenzern auf durchschnittlich 10 pro Jahr.

Wer besonders zuverlässig schien, konnte bei der Grenzbrigade Küste dienen. Oder sogar auf einem der Boote dienen, die die nasse Grenze Berlins befuhren. Die Bootsbesatzungen standen unter genauer Beobachtung.

Um diese Zuverlässigkeit zu steigern, setzte der Staat auf die Propaganda. Ohnehin wurden nur Wehrpflichtige an der Grenze eingesetzt deren Eltern keine Verwandte in Westberlin oder der Bundesrepublik hatten.

Neben der Bewachung der Mauer hatten die Einheiten auch eine offensive Aufgabe, so bereitete das Grenzregiment 33 (Zuständig für 23,7 Kilometer nördlich des Brandenburger Tor) die Besetzung Westberlins im Fall eines Konflikts vor.

Die Grenztruppen wurden mit dem „Befehl Nr. 49/90 des Ministers für Abrüstung und Verteidigung über die Auflösung der Grenztruppen der DDR“ am 30. September 1990 aufgelöst, etwa 15.000 Angehörigen wurden entlassen. Ein Teil der Berufssoldaten wurde in den Bundesgrenzschutz (BGS, heute Bundespolizei) übernommen. 4500 arbeiteten für das Rekultivierungskommando der Bundeswehr am Abbau der innerdeutschen Grenzsperranlagen.

Viele verschwiegen ihre Zugehörigkeit zum MfS. So gab es über Jahre immer wieder Fälle in denen Angehörige des BGS deshalb entlassen wurden.

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