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Seit 1925 gab es nahe der Stadt Hursuf ein zentrales Pionierlager der sowjetischen Jugendorganisation Wladimir Iljitsch Lenin. Es wurde zunächst als „Allunions-Erholungslager für Kinder“ gegründet und diente damals als Erholungsort für tuberkulosekranke Kinder. Als Ferienlager wurde es ab 1938 unter dem Namen Artek bekannt.

Jeder Kommunist kante Artek als „Mutter aller Pionierlager“. Die Sowjetunion machte weltweit Propaganda mit Bildern von Kindern mit weißen Pionierhüten am Strand oder unter Zypressen. Artek erschien in praktisch jedem Russischlehrbuch das von den kommunistischen Parteien weltweit verwendet wurde. Pionierkalender zeigten es als ein Traumland.

Doch der Zugang zu Artek war eingeschränkt, in das Lager reisten nur die verdientesten Pioniere und die Kinder der Eliten für einen drei- oder sechswöchigen Sommeraufenthalt. Schon vor dem Krieg wurden die Kinder ausländischer Kommunistenführer eingeladen.

Im zweiten Weltkrieg wurde das Lager während der Besetzung der Krim in Mitleidenschaft gezogen. Man beschloss nach Kriegsende das Lager neu zu gestalten. Der Ausbau  erfolgte mit Gebäuden im Baukastensystem die von Anatolij Poljanskij konzipiert wurden. Der Grund war eine Änderung im Konzept das nun 5.000 Plätze hatte.  Die Häuser aus Glas und Aluminium erinnerten an Schiffe. Seit 1961 war das Gelände mit der längsten Oberleitungsbuslinie der Welt mit Jalta, Aluschta und Simferopol verbunden. Das war nur eine der Leistungen sowjetischer Technik die dort besonders werbewirksam präsentiert wurden. Dutzende Spielfilme wurden dort gedreht, neben Kinder- und Jugendfilmen auch SF Filme Begegnung im All 1963. Ein häufiger Gast war der Kosmonaut Juri Gagarin. Jeden Sommer besuchten 20.000 Kinder Artek in vier Schüben.

Die Sportanlagen hatten olympisches Niveau  und es gab ausgezeichnete Bildungseinrichtungen. Doch Artek war nur die Keimzelle. Mit dem Ausbau der Pionierbewegung zur Massenorganisation in den 60er Jahren wuchs die Zahl der Pionierlager für Kinder der „normalen“  Sowjetbürger. 1976 sollten bereits eine halbe Million Moskauer Kinder den Sommer in Pionierlagern verbringen. Aus dem Privileg für Wenige wurde damit ein Erlebnis an dem breitere Kreise teilhatten.

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Wohl alle Mitglieder im Ministerrat der DDR hatten in der Sowjetunion Pionierlager besucht und alle kannten den Ruf von Artek.

1949 beschloss der Ministerrat den Bau einer sogenannten Pionierrepublik am Werbellinsee. Sie wurde am 16. Juli 1952 vom Präsidenten der DDR Wilhelm Piek unter dem Namen „Pionierrepublik Wilhelm Piek eröffnet. Ein typisches Zeichen des Personenkults in den sozialistischen Staaten-. Das Konzept orientierte sich eng am Allunionspionierlager Artek. Mit der damals ungemein großen Summe von 18 Millionen Mark schuf Reinhold Lingner  eine gestaltete Landschaft in der sich die Gebäude des Architekten Richard Paulick „sozialistisch“ einfügen sollten. Betreiber war die Jugendorganisation der SED, die Freie Deutsche Jugend (FDJ).

Zunächst diente die Pionierrepublik  als Erholungsstätte für Kriegswaisen, später diente sie bis 1989 der politischen Erziehung von Mitgliedern der Pionier- und FDJ-Organisation der DDR.

Doch schon die ersten Gäste wurden intensiv politisch „erzogen“, ihr Tagesablauf war immer wieder von politischen Lektionen unterbrochen. Als Waisen schienen sie für die Beeinflussung besonders geeignet zu sein.

Die Tagesabläufe waren weitgehend festgelegt und mussten von den Pionieren und dem Personal das hauptsächlich aus Freiwilligen bestand, strikt eingehalten werden. Jeder Tag fing mit dem Hissen der Flagge an und endete mit ihrem Einholen. Deswegen war das Zentrum jedes Pionierlagers der Appellplatz, der eine Fahnenstange haben musste.

Man übernahm das russische Stichwort rasumny otdych, „vernünftige Erholung“. Darunter verstand man Sport und die Förderung technischer Fähigkeiten in Arbeitsgruppen. Die Besten wurden mit der Lagerflagge fotografiert, durften die Fahne hissen, bekamen Diplome und Abzeichen verliehen.

Selbst die Ausflüge und das abendliche Lagerfeuer waren Teil des politischen Lehrprogramms.

Die Anlage wuchs bis 1989 auf 1,1 Quadratkilometer. Eine Kinderkrippe für die Kinder der Mitarbeiter, Cafés, eine mongolische Jurte und Labors machten das Areal bei den dort Tätigen und den Gästen beliebt.

Im Laufe der Jahrzehnte besuchten rund 400.000 junge DDR Bürger, dazu seit 1961 auch ausländische Jugendliche, die Pionierrepublik. Man warb auch unter nichtkommunistischen Jugendlichen aus westlichen Ländern für den Besuch.

Außerhalb der Ferien und der Sonderveranstaltungen besuchten ca. 1000 Thälmannpioniere pro Durchgang die Pionierrepublik. Ausgewählt vom Freundschaftsrat der Schule wurde je Schule ein Schüler  als Delegierter geschickt. Die Teilnehmer erhielten für 6 Wochen in der Pionierrepublik regulären und intensiven  politischen Schulunterricht auf hohem Niveau.

Nachmittags war die Teilnahme am Pioniernachmittag Pflicht. Eine weitere  Pflicht war das tägliche Ansehen der DDR Nachrichtensendung Aktuelle Kamera.

Die Teilnehmer wurden angehalten Tagebuch zu führen. Diese waren nicht privat, darum wurden kaum negative Kommentare geschrieben. Da die Delegierten ohnehin unter den vermeintlich überzeugtesten  Pionieren ausgewählt wurden war die Indoktrinierung leicht. Galt es doch schon  als eine Auszeichnung den Pionierpalast besuchen zu dürfen oder an einem der 48 Zentralen Pionierlager in den Ferien teilzunehmen. Da war es das Größte für einen Thälmann-Pionier, für sechs Wochen in die Pionierrepublik delegiert zu werden. Doch selbst den 100 Prozentigen fielen Diskrepanzen auf,  Bananen und Apfelsinen waren in der Pionierrepublik DDR-untypisch kein Mangelartikel.

Die gesellschaftliche Anbindung sollte über Partner erfolgen. Das Werk für Fernsehelektronik Berlin , der VEB Schiffsarmaturen- und Leuchtenbau Finow und das NVA Jagdfliegergeschwader „Hermann Matern“ waren nur einige.

Natürlich sollte die NVA die vormilitärische Ausbildung der Jungen Pioniere auch in der Pionierrepublik unterstützen. Schießen und Handgranatenwerfen waren ohnehin Teil der DDR Schulbildung.

Während der Sonderveranstaltungen hielt man sich damit natürlich zurück. Internationale Friedenslager und Gewehre passen nicht gut zusammen.

Von 1990 bis 2004 war das Land Brandenburg Träger der ehemaligen Pionierrepublik. Unter dem Namen „Kinderland am Werbellinsee“ wurde die Anlage vom Amt Jugend und Sport der DDR betrieben. Es sollte vor allem der Betreuung von Kindern aus den durch Umweltverschmutzung belasteten Gebieten der DDR dienen

Schon 1992 wurde die Anlage zur „Europäische Jugenderholungs- und Begegnungsstätte Werbellinsee“. 2004 verkaufte das Land Brandenburg das gesamte Areal für nur 515.000 € an die WS Werbellinsee GmbH & Co. KG.

Neben Klassen- und Vereinsfahrten sind  Familien- und Tagestourismus  heute die Hauptaktivitäten. Knapp 1.000 Betten stehen heute zur Verfügung.

Die Gebäude stehen heute unter Denkmalschutz. Doch innen wurden sie auf modernen, westlichen, Standard gebracht. Es gibt drei Seminarhotels mit Doppel- und Einzelzimmern mit Dusche/ WC, fünf Gästehäuser mit Ein-, Zwei- und Dreibettzimmer inklusive Dusche/WC, sieben Jugendherbergshäuser und sechs Sommerhäuser mit Mehrbettzimmern und Gemeinschaftswaschräumen und ein kleines Ferienhaus für vier Personen.

Ein Restaurant am Seeufer und zwei Speisesäle versorgen die Besucher. Die DDR Sportanlagen wurden ebenfalls modernisiert, heute gibt es Beachvolleyballfelder und ein Sportstadion mit Tribüne, außerdem verfügt die Einrichtung über eine moderne Turnhalle und ein Wellnesshaus mit Sauna und Fitnessraum

Die Erinnerungen der Besucher zu DDR Zeiten sind überwiegend positiv. Besonders die  „Internationalen Sommerlager“ blieben in guter Erinnerung. Für die Kinder aus den sozialistischen Bruderstaaten war es ein Blick in die vermeintliche Zukunft, für die Jugendlichen aus dem Westen aber oft eher Realsatire. Mit einer Banane konnte man die seltsam schmeckende Ost Cola nicht vergessen machen.

Das Sommerlager 1989 mit Kindern aus 50 Ländern war der letzte große Höhepunkt der Pionierrepublik . Die Stimmung der Besucher war aber nun  weit kritischer als in den früheren Jahren. Die politischen Lektionen fielen meist auf taube Ohren und viele frühere Pflichtveranstaltungen fielen weg oder wurden geschwänzt.

Dreißig Jahre später sind die Ideen der Betreiber der Pionierrepublik  dort am Ort nicht in Vergessenheit geraten. Doch die Realität hat sie längst überholt. Für die heutigen Besucher spielen sie keine Rolle mehr.

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