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In der DDR sollte die Jugend stets brav, sozialistisch, sauber und linientreu sein. Und lange gelang es der DDR Führung dieses Bild aufrecht zu erhalten.

Doch immer gab es Abweichler, junge Menschen die sich der Gleichschaltung entzogen.

In der zweiten Hälfte der 70er Jahre war  in den westlichen Ländern die Punkbewegung entstanden. Ob er seinen Ursprung in Großbritannien hat ist bis heute ebenso umstritten wie die Frage was Punk eigentlich ist.

Rocker und Hooligans sahen sie oft als Feinde. In all diesen Gruppen spielte Alkohol eine große Rolle und so war es kein Wunder, dass es im Umfeld der Szenekneipen immer wieder zu Schlägereien kam. Es bestand auch unter den Punks ein Zusammengehörigkeitsgefühl. „Wir gegen all die anderen“. Wurde ein Punk verprügelt sammelte sich die Gruppe und mischte die Gegner auf. Zu ihren  Feindbildern zählten in der Anfangszeit auch Hippies und ihre Nachfolger.

Doch diese wehrhaften Punks waren nur eine Spielart die oft mit Skinheads verwechselt wurde. Da beide Gruppen zu Ska und 2-tone Musik abtanzten war das kein Wunder.

Die Masse der Punks war eher friedlich. Gemeinsam Musik hören, Bier trinken und diskutieren, das war ihr Leben. Und natürlich provozieren. Die Spießbürger ärgern.

Die braven Bürger waren natürlich schockiert. Die besondere Kleidung und die Haartracht erregten Argwohn.

Es war also kein Wunder, dass die Rezeption in den Medien gemischt war. BBC und RIAS Berlin waren die Hauptquellen aus denen die Jugendlichen in der DDR vom Punk hörten. Punk Musik fand Eingang in das Programm dieser eher konservativen Sender.

Ungefähr 1977 tauchten in der DDR die ersten Punks auf. Die Staatsführung war geschockt, wie konnte es zu dieser Erscheinung kommen. Sofort begann der Apparat der Staatssicherheit zu ermitteln.

Die Abteilung K1 der Volkspolizei übernahm die Verfolgung. Da viele der frühen DDR Punks unter Alkoholeinfluss zu Gewalttaten neigten war das staatliche Feindbild klar. Man hatte es mit asozialen und kriminellen Personen zu tun.

Die Stasiakten spiegeln das Unverständnis der Machthaber wieder. Hatte die Punkbewegung zunächst nur in Großstädten, hauptsächlich Ost-Berlin, Anhänger gefunden griff sie bis in die frühen 80er Jahre auch auf Kleinstädte über. Die Schlägereien nahmen ab und die Bewegung wurde politischer.

Inoffizielle Mitarbeiter der Stasi unterwanderten die Szene. Die Volkspolizei stufte allein in Ostberlin rund 250 Punks als Kriminelle ein. Ohne Gerichtsverfahren wurden diesen Auflagen erteilt. Gaststättenbesuche wurden ihnen verboten und sie durften sich außerhalb ihrer Wohnungen und Arbeitsstätten nur an wenigen Orten aufhalten. Da zu den Methoden der Stasi auch Arbeitsentzug gehörte bedeutete das oft quasi Hausarrest. Verhaftungen und Hausdurchsuchungen hatten aber in der Szene nicht den vom Staat gewünschten Erfolg.

Punks fingen an den Judenstern zu tragen, teils um zu provozieren, hauptsächlich aber um auf die Verfolgung hinzuweisen.

Das Versagen der K1 führte zur Übernahme der Kompetenzen durch das Ministerium für Staatssicherheit. Bisher hatten die DDR Medien die Punker weitgehend ignoriert, nun begann eine Kampagne gegen die „entartete und dekadente Subkultur aus der westlichen Welt.“ Männliche Punks wurden oft vorzeitig zur NVA eingezogen um sie dort „auf Linie zu bringen“.

Anders als die Volkspolizei hatte das MfS Erfolg. Die Punk Szene war 1983 weitgehend zerschlagen. Doch es gab einen harten Kern der sich mit gleichgesinnten im sozialistischen Ausland zu einer neuen Punk Bewegung zusammenschloss.

Die Zerschlagung erwies sich als Pyrrhussieg. Viele Ex Punker fanden sich in der Friedensbewegung zusammen. Die Gegnerschaft zur Hippiebewegung verschwand und Punker gehörten zu den Gründern der Gruppe: „Kirche von unten“.

Diese Punker waren wesentlich politischer. 1983 – 1985 fanden auch in der DDR Hausbesetzungen statt. Dabei wurde mit Umwelt- und Friedensaktivisten zusammengearbeitet. Punker nahmen an Veranstaltungen teil, so an Kranzniederlegungen am Gedenkstein für den Anarchisten Erich Mühsam.

Die „Weichspülerpunks“ fanden nun neue Gegner bei denjenigen Skinheads, die in die rechte Szene abdrifteten.

Und andere reagierten auf die Änderungen mit dem Aufgeben der Reste bürgerlichen Verhaltens. Alkoholismus und Kleinkriminalität nahm unter ihnen stark zu.

Die Begriffe, die das MfS den Punks zuordneten, waren „negativ-dekadent“, „politisch labil“, „demonstrativ“, „radaumäßig“, „rowdyhaft“, „kriminell gefährdet“ oder „fehlentwickelt“. Sie ähnelten erstaunlich der Sichtweise bei westlichen Polizeibehörden.

Der Unterschied bestand im Umgang mit den Punks. Im Westen wurden Straftaten wie Diebstahl verfolgt, nicht die Kleidung oder Geisteshaltung. Für Westdeutsche Geheimdienste spielten Punks kaum eine Rolle. Westberliner Punks ärgerten sich in den 80er Jahren oft darüber kaum noch „Öffentliches Ärgernis“ zu sein. Es kam vor, dass Punks selbst die Polizei anriefen.

Das MfS versuchte die Bewegung in den 80ern zu steuern. Der alternative Schriftsteller Sascha Anderson durfte 1983 beim Westdeutschen Plattenlabel „Alternative Rockproduktionen“ DDR Punkmusik pressen lassen. Es dürfte keinen Kenner der DDR überraschen, dass er Stasispitzel war. Das Album „DDR von unten“ mit Bands wie Zwitschermaschine und Schleim-Keim gilt heute als erstes DDR Punkalbum. Vorher gab es nur Musikkassetten die primitiv selbst aufgenommen wurden.

Schleim-Keim wurde wegen unerlaubtem Westkontakt bestraft, Zwitschermaschine stand unter dem Schutz des IM.

Die Repression nahm weiter zu. Führungsfiguren wurden zur Ausreise in den Westen genötigt, wer stur blieb landete in Stasihaft. Der Auftritt von Punkbands bei der Blues Messe in der Christuskirche in Halle wurde von der Stasi gesteuert. IMs heizten  die Stimmung auf  und beim Auftritt von Namenlos wurde die Gruppe mit Steinen und Flaschen beworfen.

Doch die Punk Szene wuchs wieder. Trotz Verfolgung waren mehr Jugendliche bereit ihre Opposition zur DDR zu zeigen. Doch viele der neuen Punks waren IM, sie erhielten Zuwendungen in Form von Geldmitteln und Schallplatten aus dem Westen. Praktisch jede Punkband hatte IM unter den Mitgliedern.

Als 1986 ein zweites DDR Punk Album im Westen erschien unterblieb die Verfolgung der Band „Der Rest“. Ein Schelm der Schlechtes dabei denkt.  Beim MfS ging man neue Wege. Der DJ Lutz Schramm durfte ab März 1986 eine offizielle „Untergrund“ Sendung präsentieren. Unter der Bezeichnung „Die anderen Bands“ wurde über Punkbands berichtet.

1988 brachte die DDR Plattenfirma Amiga das Album „Kleeblatt Nr. 23 – Die anderen Bands“ auf den offiziellen DDR Markt. Die Zeitschrift „Unterhaltungskunst durfte nun erstmals über DDR-Punkbands berichten. 1988 erschien gar ein Dokumentarfilm. „Flüstern und schreien – Ein Rockreport“ der positiv über die Szene berichtete.

Die Freie Deutsche Jugend sprang auf den Zug auf. Die staatliche Jugendorganisation FDJ veranstaltete eigene Punkkonzerte. Im Oktober 88 wurde die Band „Die Skeptiker“ dann sogar Preisträger der IX. Werkstattwoche Jugendtanzmusik.

Die „echten“ Punks lehnten diese FDJ Staatspunks ab. Sie wurden weiter verfolgt. Das MfS versuchte auch weiterhin bekannte, politische Punks auszuschalten und die als Anführer angesehenen Punks anzuwerben.

Am 17. Oktober 1987 stürmten Skinheads und Punks ein von der Zionskirche organisiertes Punkfestival. 30 Betrunkene grölten rechte Parolen und prägelten auf Besucher ein. Die von vielen telefonisch alarmierte Volkspolizei griff nicht ein. Erst nach Tagen wurden 22 Skinheads und vier Punks verhaftet.

Der Schwerpunkt der Szene hatte sich von Ost-Berlin nach Potsdam verlagert. Beim MfS wurden DDR weit nur noch 599 Punks registriert. Die rechte Skinheadszene war nun deutlich stärker.

Das Ende der DDR war für die DDR Punks ein zweischneidiges Schwert. Einerseits Freiheit, andererseits eine übermächtige Westmusikszene. Die wollte ihre eigenen Bands vermarkten und bot DDR Punkbands keine Plattform.

Viele DDR Bands lösten sich auf. Wenige überlebten, so wie Schleim-Keim. Die Skins und manche Punks gingen in der rechtsextremen Szene auf. Die linken Ideale der anderen Punks schliefen ein.

Das Ende der DDR mit FDJ und Planwirtschaft entzog den Ostpunkern die Grundlage. Sie hatten die Kleidung und die Musik der Westpunker übernommen ohne die Ideologie zu kennen. Sie suchten ein Stück Freiheit dessen selbstorganisiertes Chaos eine Alternative zu Ost- und Westsystem bieten könnte. Ihre Vorstellungen von Anarchie waren sehr vage, das Zusammengehörigkeitsgefühl war weit wichtiger als Ideologie. Delikte wie Einbruch und Sachbeschädigung gehörten zur Szene, viele Ostpunks glaubten das sei echte Anarchie. Mädchen spielten eine untergeordnete Rolle, nur rund ein Viertel der jugendlichen Punks war weiblich. Frauenrechte spielten in der Ideologie keine Rolle und Frauenbands wie „Die rote Zora“ waren eine Ausnahme.

Die Ostberliner Punkszene hielt sich lange für  einzig „echt“, das Stürmen von bürgerlichen Gaststätten und Diskotheken gehörte zu ihrem Selbstbild. Schnell bildete sich ein Elitedenken, die „Alten Kämpfer“ verachteten die jungen Punks. Der Song „Kidpunks verpisst euch“ wurde eine Art Kampflied. Wer ihnen nicht passte, wurde in Berlin als „Plastic“ bezeichnet und „geruppt“, man raubte den Opfern die Punkkleidung . Nur wer Punk wirklich lebte wurde zur „echten“ Szene zugelassen. Die elitäre Gruppe spielte aber keine große Rolle.

Die große Szene nach 1983 wurde mehr und mehr von „Freizeitpunks“ dominiert.

Die Erinnerung der Punks in der heutigen Gesellschaft ist von der üblichen Verklärung bei „Alten Kämpfern“ geprägt. Die Punks hatten nicht den Einfluss auf den Zerfall der DDR den viele ihnen heute andichten. Sie waren ein Ärgernis, andererseits machte es dem MfS leicht die Aufmüpfigen zu erkennen. Ohne Glasnost und die Wandlungen in der Sowjetunion hätte es die Wende nie gegeben.

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