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Die Weltstadt Berlin wurde in den letzten Jahrzehnten zu einer der Top Locations der Welt im Bereich Kunst und Kultur. Swinging London oder der Big Apple waren gestern, heute zieht die Metropole Berlin die Künstler an.
Die kommerziellen Berliner Galerien zeigen jedes Jahr rund 3000 Ausstellungen, die Berlins Galeristen bei freiem Eintritt ohne staatliche Hilfe finanzieren.
Backpacker und Privatjet-Reisende, alle Arten von Kunstbegeisterten kommen in die City die niemals schläft. Eine Stadt ohne Sperrstunde.

Die East Side Gallery, die am The Wall Museum beginnt und von dort Richtung Ostbahnhof führt, ist die bekannteste Open-Air Gallery in Berlin. Über 100 Künstler aus aller Welt malten an der Mühlenstraße.
Derzeit gehört die Gallery der Stiftung Berliner Mauer, ihr Auftrag umfasst dort die Grundstücke „Park an der Spree“ und „East-Side-Park“. Sie hat damit den Auftrag für den baulichen Unterhalt der East Side Gallery und die Pflege der zugehörigen öffentlichen Grünanlage.

Die Ära der eigentlichen Mauerkunst startete 1976, als die DDR-Grenztruppen begannen auf der “Westseite“ der Grenzanlagen eine neue Mauer aus Betonsegmenten zu errichten. Diese waren rund 3,60 m hoch und meist weiß gestrichen. Doch die heutige East Side Gallery war nie Objekt der Mauerkunst vor dem Sturz des DDR Regimes. Sie lag auf der DDR Seite und bildete die sogenannte Hinterlandmauer die Menschen auf der DDR Seite davon abhalten sollte die eigentlichen Sperranlagen zu erreichen.

Da die Mauer hier stark bewacht war gab es keine Möglichkeit hier zu malen. Anders als auf der Westseite gab es keine Rückzugsmöglichkeit auf sicheres Gebiet.

Der Ursprung der Gallery ist völlig anders. DDR Künstler hatten seit Oktober 1989 keine Einkünfte mehr aus Staatsaufträgen erhalten. So entstand eine Bewegung die neue Projekte starten wollte. Im Februar 1990 kam es, nach Einholen einer offiziellen Erlaubnis durch das damalige Ministerium für Nationale Verteidigung, zur Gründung des Projekts „East Side Gallery“. Über Botschaften und diplomatische Vertretungen wurden Künstler aus vielen Teilen der Welt eingeladen an dem Projekt Teil zu haben. Wie sich später heraus stellte, stand die gesamte Berliner Grenzanlage unter der Aufsicht der LPG Leipzig, einer Tarnorganisation des Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der DDR. Die Schlapphüte nahmen Einfluss auf das Projekt. Sie wollten eine weitere politische Kunstbewegung zumindest behindern, wenn nicht gar steuern.

So ist der Ursprung der East Side Gallery völlig anders als die meisten Besucher heute annehmen. Doch schnell wurden die alten Seilschaften entlarvt.

Die Schottin Christine MacLean übernahm die Organisation. In ihren Händen lag nun die Verteilung der Mauerflächen. Über sie erhielten Künstler die Verträge die ihnen das Bemalen erlaubten.
Doch es stand wenig Geld zur Verfügung, so wurden die Mauerteile nicht speziell für die Bemalung vorbereitet. Große Westfirmen wie Coca Cola und Mc Donald waren bereit finanziell zu helfen. Auf das angebotene Sponsoring wurde aber verzichtet um die künstlerische Unabhängigkeit zu sichern. Der erste Katalog wurde aber dann doch mit Sponsorengeldern finanziert.

Am 28. September 1990, wenige Tage vor der Wiedervereinigung, wurde die East Side Gallery bei einer Veranstaltung auf einem Schiff auf der Spree eröffnet. Sie war von Anfang an nicht ungefährdet. Der Rat des Stadtbezirks Friedrichshain wollte die Flächen über die „Werbe- und Veranstaltungsgesellschaft GmbH“ (Wuva) bewirtschaften. Geplant waren Werbetafeln. Doch im November 1991 wurde der heute als East Side Gallery bekannte Geländestreifen unter Denkmalschutz gestellt.

Heute sind dort keine Originalwerke mehr im ursprünglichen Zustand. Die meisten wurden restauriert oder sogar ersetzt, doch war dies von Anfang an umstritten. Einige der ursprünglichen Künstler verweigerten ihre Mitarbeit. Um ihr Copyright zu schützen gründeten sie eine Initiative.

Eine Reihe von Gerichtsverfahren wurden über die Frage angestrengt, wem die Kunst an der Mauer gehört. Fest steht, dass ein Künstler auf Grund des Urheberrechtsgesetzes auch dann noch über Restrechte an seinem Werk verfügt, wenn er es an einen Sammler oder ein Museum verkauft hat. Oder wie hier auf der Fläche eines Bauwerks gearbeitet hat. Das Recht des Eigentümers, mit dem Werk nach Belieben zu verfahren, findet daher in der Regel dort eine Grenze, wo es die Urheberrechte des Künstlers verletzt.

Der betroffene Künstler kann „eine Entstellung oder eine andere Beeinträchtigung seines Werkes verbieten, die geeignet ist, seine berechtigten geistigen oder persönlichen Interessen am Werk zu gefährden“. So § 14 des Urheberrechtsgesetzes (UrhG).

Doch hat der Bundesgerichtshof am 21.2.2019 in einem anderen Fall ein Grundsatzurteil gefällt. Der BGH stellte fest, dass eine völlige Zerstörung eines Werks eine „andere Beeinträchtigung“ im Sinne des § 14 UrhG darstellte. Die Interessenabwägung ergab, dass das Interesse der Künstler am Erhalt des Werks hinter dem Interesse des Eigentümers, sein Gebäude umbauen und sanieren zu können, zurückzustehen habe.

Ein weiteres Problem ist die Tatsache, dass die Spreegrundstücke dort zu den begehrtesten Baugrundstücken Berlins gehören. Deshalb wurden bereits eine Menge Segmente der ehemaligen Hinterlandmauer entfernt. Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg hat weder die finanziellen Mittel, noch die fachlichen Kompetenzen, um eine Dauerlösung zu finden. Vor 30 Jahren machte sich niemand Gedanken was Jahrzehnte Umwelteinflüsse mit Spraydosenfarbe auf Beton anrichten. Kein Künstler kann ernsthaft erwartet haben, dass sein Werk dort dauerhaften Bestand haben würde.

Die Lottostiftung Berlin hatte für die Sanierung eine Million Euro bereitgestellt. Ein Streitpunkt war für die Künstler das Pauschalhonorar von 3000 Euro für die Rekonstruktion ihrer eigenen Werke. Mehr als die Hälfte der Lottogelder verschwanden in anderen Taschen.

Im Oktober 2008 begann die Sanierung der East Side Gallery. Hierfür standen insgesamt 2,2 nun Millionen Euro zur Verfügung. Gesamtprojektleiter war die Gesellschaft der behutsamen Stadterneuerung mbH. Die noch vorhandenen Werke erhielten einen Schutzüberzug gegen Graffiti.

„Behutsam“ war unfreiwillige Ironie. Laut Gesellschaft mussten die Stahlbewehrungen freigelegt werden, um sie von Korrosion zu befreien. Bei diesem Verfahren musste ein Großteil der Bilder vollflächig entfernt (und damit zerstört) werden. Die entstandenen Löcher wurden mit einem speziellen Beton verfüllt, verspachtelt und grundiert. Die Künstler der Werke wurden nach Berlin eingeladen, um ihr Bild ein zweites Mal an die Mauer zu malen. 87 Künstler folgten der Einladung. „Die Masken“ von Vyatcheslav Schlyakhov wurde als erstes Bild im März 2009 vorgestellt. Die Wiedereröffnung der sanierten Galerie fand am 6. November 2009 statt. Leere Flächen zeigten wo Künstler ihre Mitarbeit an Kopien der Werke von 1990 verweigerten.

Ihre kommerzielle Einstellung bewiesen manche Künstler mit ihren Klagen, dass über die Jahre nur andere mit Print-Publikationen profitiert hätten. Jim Avignon zerstörte im Oktober 2013 sein eigenes Werk mit der Aufschrift „Moneymachine“. Die Künstlerinitiative kritisierte die Aktion und prüfte ein strafrechtliches Vorgehen gegen Avignon. Die Denkmalschutzbehörde prüfte die Verhängung eines Bußgeldes.

Das Werk der Künstler Margret Hunter und Peter Russel soll als letztes weitgehend originales Kunstwerk mit Glas geschützt werden

Für viele alte Westberliner ist das Gezerre um die East Side Gallery eine Perversion der ursprünglichen Mauerkunst die nicht kommerziell war und die nie für die Ewigkeit gedacht war. Sie war ein Ausdruck des Freiheitswillen, ein ständiger Stinkefinger gegen die Bewacher der mörderischen Grenze. Es war die Kombination aus Gefahr und dem Wunsch in der Szene bekannt zu werden die Leute magisch anzog. Thierry Noir und Keith Haring gehörten zu den bekanntesten. Noirs Werk „Hommage an die Junge Generation“ entstand auf der East Side Gallery als eben dies, ein künstlerischer Gruß an die neue Generation.

Die echte Mauerkunst von vor 1989, auf der Mauerseite zum Westen, ist weitgehend verloren. Der Abriss und die vielen „Mauerspechte“ haben das meiste vernichtet.

Am Potsdamer Platz gibt es noch ein kleines Mauerstück das von Künstlern bemalt wurde.

Der Rest der Mauer in der Bernauer Straße wird in der ursprünglichen 1979er DDR Form erhalten. Frische Malversuche werden schnell entfernt.

Im Mauerpark an der Bernauer Straße gibt es eine Mauer die noch wie ursprünglich von Graffiti-Sprayern in der ursprünglichen Form der Mauerkunst ständig verändert wird.

Die meisten wahren Mauerkünstler vor 1989 haben ihre Arbeiten fotografisch dokumentiert. Für viele waren nur diese Bilder das eigentliche Kunstwerk. Ein Graffitischutzüberzug wäre für sie eine perverse Vorstellung gewesen. Ihre Werke lebten von der Vergänglichkeit.