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Die Menschheit hat ein kurzes Gedächtnis. Es hilft den Menschen nicht in ständiger Furcht zu leben. Und je länger der letzte Fall zurückliegt, umso weniger ist uns die Gefahr bewusst.  

Epidemien sind nichts Neues, Corona ist nur die letzte in einer ganzen Reihe von Massenerkrankungen die Deutschland heimsuchten. 

Wer erinnert sich noch an die Hongkong-Grippe Epidemie zwischen 1968 und  1970  bei der weltweit über eine Million Menschen starben? Allein in der Bundesrepublik waren es rund 40.000 Tote. Es hatte bereits einige Pandemien im 20. Jahrhundert gegeben.  Während der Spanischen Grippe, nach dem Ersten Weltkrieg,  wurden die Bürger in westlichen Ländern ermahnt, zu Hause zu bleiben doch gehorchten nur wenige. Zur Zeit der Asiatischen Grippe und der Hongkong-Grippe beschränkte man sich darauf, die Krise durchzustehen, es gab keine generelle Ausgangssperre. Heute reagiert man viel sensibler. Die gestiegene Lebenserwartung mag einer der Gründe sein. . 

 

Pandemien sind also nichts neues, aber zwischen 1945 und 1989 gab es eine Besonderheit, Krankheiten und Vorsorge wurden zu Waffen im Arsenal der Propaganda in Ost und West. Ausbrüche im jeweils anderen Deutschland wurden in den Medien kommentiert, dabei wurde stets auf die jeweilige Staatsdoktrin als vermeintliche Ursache verwiesen. 

 

Ende März 1962 gab es in der DDR einen Ausbruch der bakteriellen Ruhr. Spätestens Mitte der letzten Märzwoche wusste man, dass die Hauptstadt der DDR zum Schauplatz der ausgedehntesten Epidemie geworden war, die seit Kriegsende das Gebiet der DDR  heimgesucht hat.

Das MfS wurde alarmiert, der Fahndungs – und Abwehrapparat des Ostberliner Seuchendezernats trat in Aktion. Das Ergebnis war politisch eine Katastrophe. Ursache war mit Ruhrbazillen verseuchte Butter, die in der vorletzten Märzwoche in vier Ostberliner Bezirken verkauft worden war.

Die Seuche breitete sich durch Kontaktinfektion explosionsartig aus. Schon am 1. April reichte die Kapazität der Ostberliner Krankenhäuser nicht mehr aus. Hilfskrankenhäuser mussten eingerichtet werden. Neben ausgebildetem Personal wurden Studenten und Volkspolizisten als Pfleger eingesetzt.

Erst am 4. April, mehr als eine Woche nach dem Beginn der Krankheitswelle, brach die Regierung das Schweigen. Erst an diesem Tag gab die SED die Epidemie bekannt. 

Am 8. April  wurde eine Ein- und Ausreisesperre für Berlin verhängt, mangels Kontrolle griff sie nicht und es war ohnehin zu spät. Große Teile der DDR waren nun betroffen. Die Zahl der Erkrankten stieg auf 75 000 an, erste Todesopfer waren zu beklagen.

Schulen und Kindergärten wollten die SED Funktionäre dennoch nicht schließen lassen.  Sie wollten den westlichen Propagandisten – wie der “Bild”-Zeitung, die schon 100 000 Kranke und 40 Tote entdeckt haben wollte – nicht noch mehr Vorwände liefern, sich für die Kampagne zu revanchieren, die man in Ostberlin anlässlich eines westdeutschen Pockenausbruchs entfacht hatte.

Ein Teil der verseuchten Butter stammte aus der Sowjetunion, das wurde natürlich nicht zugegeben. Gestreute Gerüchte bezeichneten China als Ursprungsland. 

Die Propagandamaschine lief an. In groß aufgemachten Artikeln wurde die vorbildliche Leistung der Ärzte im sozialistischen System bejubelt. 

Da die Zahl der Todesopfer gering blieb half den Durchfallgeplagten Berliner ihr Humor durch die Krise. Es kursierte der Witz: „Es wird alles besser: Ostberlin ist Ruhrgebiet.”

Der RIAS und andere Westberliner Medien konnten erstmals der Berliner Mauer etwas Positives abgewinnen. Sie hatte die Epidemie zuverlässig aus Westberlin herausgehalten. Und das obwohl sie 1962 noch nicht die späteren Dimensionen hatte. Im The Wall Museum kann man die damaligen Anlagen sehen. 

 

Die Krankheitsausbrüche  im Westen boten ausgezeichnete Ziele für die SED Propaganda. Zumal Bonn, aus dogmatischen Gründen, Hilfe ablehnte. Willi Stoph, stellvertretender Vorsitzender des Ministerrates, bot 1961 der Bundesrepublik drei Millionen Impfdosen an – als humanitäre Geste für das von Polio heimgesuchte Ruhrgebiet, mit bereits 42 Toten war die Krise akut. Adenauer lehnte ab. Und die SED berichtete über das “Nein”. Das Bild war klar; hier gesunde Werktätige im sozialistischen Staat, dort gefährliche Seuchengebiete und hohe Krankheitszahlen im Kapitalismus.

Kurz vor dem Mauerbau warnte das DDR-Fernsehen vor eingeschleppten Krankheitserregern aus dem Westen. Reisenden aus dem Westen wurden sogar kostenlos Impfungen angeboten.

Selbst arbeitete man meist mit Vertuschung. 

April 1963 zeigte ein Mann in Aschersleben Pockensymptome. Es war ein Afrikaner, der seit einem halben Jahr in der DDR lebte. Die Globalisierung, wie wir sie heute kennen, und damit die schnelle Erreichbarkeit aller Gebiete dieser Welt waren damals nicht bekannt, schon gar nicht in der abgeschotteten DDR.

In der Bundesrepublik hatte es lokale Ausbrüche und Todesfälle gegeben, nicht aber in der DDR. In  beiden Teilen Deutschlands galt die  Pockenimpfpflicht. Der Patient in Aschersleben wurde isoliert, sämtliche Kontaktpersonen ausfindig gemacht. 1.700 Menschen wurden vorsorglich geimpft. 

In den SED Medien wurde die Aktion mit einem Windpockenausbruch begründet. 

Eine, eigentlich vorgeschriebene, Meldung an die Weltgesundheitsorganisation warteten die DDR-Experten bis zum Vorliegen der Laborergebnisse ab. Nach wenigen Tagen kam Entwarnung vom Labor, es war keine Pockeninfektion.

Wenige Monate später meldete eine Interflug Crew eine mögliche Pockeninfektion. Nach der Landung in Berlin-Schönefeld wurde eine  Frau sofort isoliert und in eine Klinik gebracht. Passagiere und Besatzung mussten im Flugzeug verharren. und später auf eine provisorische Isolierstation gebracht. Zum Glück war es falscher Alarm, es war eine starke Reaktion auf die Pockenschutzimpfung. Wieder gab es keine Medienberichte über die Hintergründe.

 

Die MfS Berichte über den Vorfall zeigten schwere Mängel im Gesundheitssystem. Es fehlte ein spezielles Krankenhaus für Seuchenfälle und Isoliermöglichkeiten an den Flughäfen.  Geplant wurde ein Krankenhaus in Berlin-Buch. Es blieb beim Plan

Glück hatte die DDR, als im Herbst 1965 im fränkischen Kulmbach Pocken ausbrachen. Eine Rentnerin aus der DDR kehrte heim, sie wurde umgehend erneut geimpft – wie auch sämtliche Kontaktpersonen in der DDR. Es gab keine Ansteckungen in der DDR.

1972 gab es einen weiteren Pockenfall in der Bundesrepublik. Die DDR war alarmiert, die Staatssicherheit übernahm. Der verfügbare Impfstoff wurde kontrolliert. Bis zu 50.000 Dosen waren unmittelbar verfügbar, binnen 24 Stunden bis zu 1,4 Millionen Dosen. Die SED Führung wurde geimpft. Einreisende wurden intensiver kontrolliert. Und zusätzlich nahm die DDR Kontakt zu den Gesundheitsbehörden der Bundesrepublik auf. Die Quarantänemaßnahmen im Raum Hannover hatten gewirkt. Über 600 Menschen im Umfeld des erkrankten Gastarbeiters  wurden isoliert und 65.000 neu geimpft. 

Auch die DDR handelte. Eine Frau aus Hannover war nach Rostock eingereist. Sie wurde als direkte Kontaktperson eingeschätzt und unter strengen Hausarrest gestellt. Dann übermittelten die Grenzer, dass auch ihr Ehemann eingereist war. Mitten auf der Strecke wurde der Zug nach Rostock gestoppt, doch die MfS Leute konnten den Gesuchten nicht ausfindig machen – die MfS Grenzer  hatten einen falschen Namen durchgegeben. Später fand man den Ehemann, auch er kam unter Hausarrest. 

Wieder erfolgte eine  Auswertung. Als nötig hatten sich importierte Impfpistolen erwiesen. Jedoch gab es davon je DDR-Bezirk nur eine und die waren laut Bericht “bereits zum Teil stark abgenutzt”. Ersatzteile waren rar, eine Eigenproduktion “bisher nicht gelungen”.

Um Pockenepidemien zu verhindern, blieb die DDR bei ihrer Zwangsimpfung, auch wenn es Impfschäden gab. Jährlich verzeichneten die Gesundheitsbehörden ein bis zwei Todesfälle und einige Fälle mit Gehirnentzündungen in Folge der Impfung. Dies sah man als vertretbar an. Der Fall des jugoslawischen Gastarbeiters blieb die letzte registrierte Pockenkrankheit im gesamten Deutschland. 

1979 verkündete die Weltgesundheitsorganisation das Ende der Pocken. Damit waren sie offiziell weltweit ausgerottet – ein großer Erfolg der modernen Medizin. 

Volksgesundheit als Resultat der Überlegenheit des sozialistischen Systems – darum ging es der DDR beim Impfen. Es wurde die Losung ausgegeben: „Der Sozialismus ist die beste Prophylaxe”. Pflicht waren Impfungen gegen Pocken, Kinderlähmung, Diphterie, Tetanus, Keuchhusten, Tuberkulose und ab den 1970er-Jahren auch gegen die Masern. . Bis zu ihrem 18. Lebensjahr bekamen Heranwachsende insgesamt 20 Schutzimpfungen – staatlich verordnet

Der Zwangsstaat hatte seine Vorzüge, während im Westen 1960 noch Polio-Epidemien wüteten, war die zentral verwaltete DDR-Gesellschaft seit 1958 zu großen Teilen immunisiert gegen die Kinderlähmung.

Doch auch in der DDR gab es Impfmüdigkeit. Es gab spontane Krankmeldungen vor Impfterminen und Verweigerung der Spritzen durch skeptische Eltern. In einigen Regionen fiel die Impfrate unter 50%.  Die SED reagierte auf ihre Weise – mit Dauerimpfstellen und Massenimpfungen in Ferienlagern, Schulen und Betrieben. 

Ende der 1970er-Jahre geriet die DDR beim Impfen mehr und mehr ins Hintertreffen Zu viele Impftermine machten die Leute widerspenstig. Kombiimpfstoffe gab es nicht.  Epidemien, wie die besiegt geglaubten Masern, erreichten in den 1980er-Jahren wieder Ostberlin. Die DDR Impfstoffproduktion litt unter uralten Maschinen. Ampullen wurden mit  qualitativ immer schlechterem Gummi verschlossen. Allen Gesundheits- und Impfprogrammen zum Trotz war die Lebenserwartung im Osten 1989 um fast drei Jahre niedriger als im Westen. 

 

Doch bis heute hält sich die Legende vom vorbildlichen DDR Impf- und Gesundheitssystem. Damals, so meint man,  hätte es keine Knappheit an Schutzmasken geben können. Dabei fehlte es in der Intensivmedizin schon im normalen Betrieb an modernen Geräten.