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Operation Gold

Schon lange vor dem Mauerbau 1961 gab es heimliche Tunnelbauten unter dem Grenzstreifen. Schmuggler nutzten Häuser, die an der Grenze lagen, um mit einem Durchbruch im Keller Wege ohne Zollkontrollen zu schaffen.

Die ehemaligen Verbündeten des Zweiten Weltkriegs beschlossen, ihre Nachbarn in Berlin auszuspionieren. 1952 besorgten sich US-Geheimdienstler aus der Ost-Berliner Postverwaltung die Lagepläne der amtlichen Fernsprechleitungen. Dabei fand sich die Position eines dicken Kupferkabel, welches die Dienststellen der sowjetischen Administration in Karlshorst bei Berlin mit dem deutschen Hauptquartier der Roten Armee in Wünsdorf bei Zossen verband. Das Beste daran: das Kabel lag teilweise ganz nah an der Grenze.

Es war kein neues Verfahren. Der britische Secret Intelligence Service (SIS) hatte schon viele Jahre in Wien sowjetische Nachrichtenkabel angezapft. Die Aktion lief unter dem Namen „Operation Silber“. Ihre Kollegen von der CIA legten für Berlin einen analogen Codenamen fest: „Operation Gold“. Briten und Amerikaner begannen im Frühjahr 1953 mit den Vorbereitungen. Die Geräte kamen von den Briten, das Geld für die Arbeiten steuerte die CIA bei.

Der Berliner CIA-Stationschef William King Harvey, Jahrgang 1915, hatte einen sehr speziellen Ruf. Für Kollegen war er der „stets revolverbewehrte Trinker und Ex-FBI-Agent“ (so der CIA-Chronist Tim Weiner). FBI Chef Edgar Hoover hatte ihn 1947 höchstpersönlich gefeuert.

Der Gegner der Operation Gold war Jewgeni Petrowitsch Pitowranow. Als ehemaliger Leiter der Auslandsspionage hatte er beste Kontakte in die westliche Geheimdienste. Bereits bei den Gold Vorgesprächen saß sein Mann beim SIS am Tisch, George Blake, beim KGB unter dem Codenamen „Diomid“ geführt, berichtete er alles an Pitowranow.

In Moskau regierte Nikita Chruschtschow. Für seine Weltpolitik war eine aufgeflogene CIA / SIS Spionagemission erstklassiges Propagandamaterial. Doch man wartete ab, um unbestreitbare Beweise zu sammeln. Im September 1954 begannen die Arbeiten am Tunnel. Der Einstieg lag im Süden Berlins, in Rudow. Als Tarnung wurden Militärlagerhallen und Radar-Antennen aufgebaut. Sechs Meter tief und rund vierhundert Meter weit, grub man sich in die sowjetische Zone. Das Kabel lag an der Straße zum Flughafen Schönefeld, die Arbeiter mussten rund 3000 Tonnen Erde durch den Tunnel scheffeln. Das Pioneer Corps hatte ein neues Schildvortriebverfahren getestet, das nun zum Einsatz kam. Doch es gab erhebliche Probleme, man hatte mit Wassereinbrüchen zu kämpfen, und statt festem Lehm fand man auf der Ostseite rieselnden Sand. Am Schwierigsten war der Endpunkt, denn das Kabel lag nur einen Meter tief. Die Nähe zur Straße machte die Stabilität des Tunnels kritisch.

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Anfang 1955 war man endlich fertig. Belüftung, Entwässerung und eine Sprengladung zur Selbstzerstörung waren bereit. Die Experten schienen eine Verbindungen zur Leitung angeschlossen haben, ohne dass jemand oben etwas gemerkt hätte. Auf 500 Kanälen liefen Sprach- und Telexmeldungen. Ein großer Teil war verschlüsselt, in London wurde ein Auswertungszentrum mit 317 Spezialisten eingerichtet. Ein weiteres lag in Washington mit 350 Mitarbeitern. Allein 365.000 Gespräche wurden auf Tonband mitgeschnitten. Erstklassiges Material. Scheinbar. Tatsächlich kontrollierte Pitowranow genau, was über die Leitungen lief. Gelegentlich gab er selbst etwas zum Besten. Zum Beispiel beruhigte er seine Ehefrau, die ihre Unterkunft in Berlin nicht mochte, oder er verabredete eine Jagd, unwaidmännisch mit Nachtsichtgeräten.

Bis zum Schluss merkten die Analysten nichts. Dann beschloss Moskau Anfang 1956, die Falle zuschnappen zu lassen. Der KGB nutzte schwere Regenfälle als Vorwand, um Störungssucher loszuschicken. In der Nacht des 22. April wurde ein Loch gegraben. Unter den „Arbeitern“ war Markus Wolf, der spätere DDR -Geheimdienstchef. Scheinbar ganz zufällig wurden die Spionageanlagen entdeckt. Typisch CIA: die Selbstzerstörungsanlage versagte. So konnte später die internationale Presse den Tunnel besichtigen. Höhepunkt war ein von William King Harvey angeblich selbst gemaltes Schild: „Sie betreten jetzt den amerikanischen Sektor.“

Die CIA hatte im Tunnel ein Mikro und die zweifelhafte Genugtuung, die Kommentare der Besucher zu hören. Nachmittags wurde auch dieses Mikro gekappt. Um 15.50 endete Operation „Gold“ nach elfeinhalb Monaten.

SIS und CIA setzten weiter Ressourcen, ein um die Bänder auszuwerten. Erst 1961 enttarnte ein Überläufer aus Polen, George Blake als Maulwurf. Er wurde in Großbritannien zu 42 Jahren Haft verurteilt, entkam aber 1966 unter fragwürdigen Umständen. Er gelangte nach Moskau und gab zahlreichen Interviews. Der KGB hat nie Details zu „Gold“ genannt. „Gold“ war nicht die einzige CIA Abhöraktion in der DDR, doch ist es der einzige gut dokumentierte Fall.

Die DDR und Sowjetvertreter benutzten „Gold“ 1961 als Argument für den Mauerbau.

Es gab viele Abhör-Versuche in Berlin. 1973 hatte die Vermittlungsstelle Lübecker Straße in Moabit plötzlich zahlreiche Störungen. Während die Postmitarbeiter an der Behebung arbeiteten, erschienen drei britische Agenten. Wie sich herausstellte, hörte man mit alten Bleikabeln aus dem Dritten Reich seit Jahren Westberliner ab. Ein Kabel war bei Bauarbeitern beschädigt worden und löste die Störungen aus. Auch KGB und Stasi hörten Westberlin ab. Die Telefonzelle auf der Westseite des Checkpoint Charly wurde täglich neu verwanzt und ebenso oft von westlichen „Kammerjägern“ entwanzt.

Die Staatssicherheit überwachte die Telefonverbindungen nach Westberlin und auch die Briefpost.

Nach dem „Gold“-Fiasko setzte die CIA immer mehr auf die Überwachung der drahtlosen Kommunikation der Sowjets. Auf dem Teufelsberg wurden große Abhöranlagen errichtet. Doch auch dort brachte es der KGB fertig, Personal einzuschleusen.

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