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Ja, ja, ja, das ist die Berliner Luft, Luft, Luft
so mit ihrem holden Duft, Duft, Duft
wo nur selten was verpufft, pufft, pufft
in dem Duft, Duft, Duft
dieser Luft, Luft, Luft
Das macht die Berliner Luft!

Das Lied Berliner Luft gilt als die inoffizielle Hymne Berlins, vor 40 Jahren war es in Ost und West noch weitaus populärer als heute. Doch damals, zu Zeiten der DDR, war das, was in der Berliner Luft verpuffte, alles andere als ein angenehmer Duft. Und von selten konnte erst recht keine Rede sein.

In der Theorie war in der DDR der Umweltschutz ein Staatsziel. Der Artikel 15 Absatz 2 der DDR-Verfassung von 1974, schrieb vor: “Im Interesse des Wohlergehens der Bürger sorgen Staat und Gesellschaft für den Schutz der Natur. Die Reinhaltung der Gewässer und der Luft sowie der Pflanzen- und Tierwelt und der landschaftlichen Schönheiten der Heimat sind durch die zuständigen Organe zu gewährleisten und sind darüber hinaus auch Sache jedes Bürgers.” Doch die Realität war weit davon entfernt.

Verglichen mit den 70er und 80er Jahren ist Berlin heutzutage nahezu ein Luftkurort. Bis 1989 waren die Schadstoffwerte in der DDR Geheime Verschlusssache. Smog gab es offiziell nicht, erst in den letzten Monaten der DDR wurde an einer Smogverordnung gearbeitet. „Industrienebel“ sagte die DDR-Obrigkeit zu den durch die Städte wabernden gelblichen Dreckwolken. Im Rekordwinter 1985 wurden in der DDR in manchen Städten Fackeln an die Straßenränder gestellt, damit die Passanten den Weg fanden. Tagsüber! Die Verbrennungsrückstände der Fackeln verschlechterten die Lage noch. Im Ruhrgebiet wurden in diesem Winter Industrieanlagen zeitweise stillgelegt. Die Schadstoffkonzentration im Mitteldeutschen Kohlerevier war, nach den heute bekannten Messwerten, rund fünf Mal so hoch wie die im Ruhrgebiet gewesen – doch im Osten blieb der Smogalarm aus.

So auch im Ostteil Berlins, wo der höchste Stundenwert für Schwefeldioxid am 21. Januar 1985 bei 1000 Mikrogramm lag. Zwei Wochen vorher, am 7. Januar, hatte er sogar die Marke von 1500 Mikrogramm Schwefeldioxid pro Kubikmeter Luft erreicht. Die Schmutzfracht wehte natürlich auch in die Westbezirke der Mauerstadt, wo in diesen Jahren immer wieder Smogwarnungen ausgegeben wurden. In Leipzig blieb die Anzeige des Messgeräts am 20. Januar für anderthalb Stunden am oberen Anschlag hängen, sie reichte nur bis 4999 Mikrogramm.

Im Jahr zuvor veröffentlichten alle DDR Medien eine Meldung, in der eingeräumt wurde, dass die Wälder durch “Rauchschäden” gefährdet seien. Doch über das Ausmaß des Waldsterbens erfuhr man nichts. Statt dessen bemühte sich die Staatspartei SED um Schadensbegrenzung ganz anderer Art: In einer “Anleitung der Agitatoren zu Fragen des Umweltschutzes” führten sie die zunehmende Umweltdiskussion auf “ideologische Angriffe” des “Klassenfeindes” zurück, dem es lediglich darum gehe, von eigenen Problemen abzulenken und mit dem “Gerede um den ‚sauren Regen‘” oder der “Behauptung, dass Braunkohle besonders schwefelhaltig ist”, die Wirtschafts- und Sozialpolitik der DDR-Führung zu “diskreditieren.

Die staatliche Planwirtschaft der DDR setzte bei der Energieversorgung auf Braunkohle, denn diese ließ sich auf dem Gebiet der DDR fördern und musste nicht importiert werden. So sparte man die knappen Devisen.

Bis 1990 sollte die Braunkohleförderung sogar noch auf bis zu 335 Millionen Tonnen gesteigert werden. Gemessen an ihrer Schwefelemissionsdichte lag die DDR mit 46,2 Tonnen pro Quadratkilometer im Jahr (Bundesrepublik vierzehn Tonnen) schon lange weit an der Spitze aller europäischen Länder. Von sechzig Millionen Tonnen Schwefeldioxid, die in Europa jährlich in die Luft geblasen wurden, kamen 5,1 Millionen aus der DDR und 3,8 Millionen aus bundesdeutschen Schloten.
Auch im Sommer war die Belastung hoch. An der Mühlenstraße, die am The Wall Museum vorbeiführt, pusteten täglich tausende Zweitaktmotoren ihren Dreck ungefiltert in die Luft. Die Hinterlandmauer, die heutige Eastside Gallery, behinderte den Luftaustausch. Doch auch so zog genug Dreck über die Spree nach Kreuzberg. Der Zweitaktmotor des Trabant 601 stieß rund 30 mal so viele Kohlenwasserstoffe aus wie ein vergleichbarer Viertaktmotor.

Neben der Industrie und dem Verkehr war der Hausbrand die Hauptursache für die enorme Belastung der Atemluft in der DDR. Ein großer Teil der Ostberliner Wohnungen wurde mit Braunkohle beheizt.

Der Umweltschutz spielte für die SED keine Rolle. Es fehlte nicht an Daten, in den 80er Jahren gab es in der DDR eine flächendeckende Überwachung der Luftqualität und die Daten wurden in Echtzeit ausgewertet.

Da die Verschmutzung, im wahrsten Sinn des Wortes, zum Himmel stank waren die Vertuschungen sinnlos. Im Schutz der evangelischen Kirche entwickelte sich eine Umweltbewegung, die später mit zum Umsturz des Systems führen sollte. Ein Beispiel war die Umweltbibliothek, die 1986 in Räumen der Zionskirche in Ost-Berlin gegründet wurde. Im November 1987 führte das MfS eine Razzia in der Umweltbibliothek durch und verhaftete mehrere Menschen. Sie wurden schnell wieder freigelassen, da man negative Meldungen im Westfernsehen fürchtete.

Gelegentlich sickerten Daten durch, Beunruhigung löste 1982 eine Untersuchung im DDR-Zentralblatt für Pharmakologie unter dem Titel “Der Cadmiumgehalt der Nahrungsmittel in der DDR” aus. Darin wurde “aus Sicherheitsgründen” empfohlen, im Kreis Freiberg produziertes Getreide mit Getreide aus anderen Anbaugebieten zu verschneiden, “um so die Cd-Belastung für den Menschen so niedrig als möglich zu halten”.

Kurz darauf wurde das Heft von den DDR-Behörden eingezogen und neu herausgegeben – diesmal ohne den Cadmium-Artikel. Das Ministerium für Staatssicherheit hatte damit das Problem für die DDR Führung gelöst.

Während in Westberlin, wie in der Bundesrepublik, 1984 für Neuwagen mit Benzinmotor der Katalysator eingeführt wurde, gab es keine derartigen Pläne in Ostberlin. Es fehlte nicht an Stimmen, die die Einführung in Westberlin daher als sinnlos bezeichneten. Die fünfjährige Übergangszeit fiel aber zufällig auf den Mauerfall. Und so hatten fast alle Neuwagen mit Benzinmotor im wiedervereinigten Deutschland Katalysatoren.

Die Berliner Luft nach dem Mauerfall

80 Prozent der DDR-Kraftwerke wurden nach dem Mauerfall stillgelegt und die übrigen so modernisiert, dass die Luftverschmutzung auf ein ähnlich niedriges Niveau wie im Westen sank. Moderne Rauchgasentschwefelungsanlagen haben die Belastung mit Schwefeldioxid und Staub kräftig nach unten gedrückt. Im Jahresdurchschnitt liegen die Schwefeldioxid-Konzentrationen heute deutschlandweit unter fünf Mikrogramm pro Kubikmeter Luft; der zulässige Stundenmittelwert von 350 Mikrogramm wurde seit der Festlegung noch nie überschritten.

Von der weltweit höchsten gemessenen Belastung mit Schwefeldioxid in den 1980er-Jahren ist der Osten Deutschlands im Rekordtempo zu guten Werten heruntergekommen. Der Schwefeldioxidwert beträgt heute nicht einmal mehr 1 % des durchschnittlichen DDR Werts. Mittlerweile gibt es in Deutschland keine Überschreitungen der europaweit geltenden Grenzwerte für Schwefeldioxid, Kohlenmonoxid, Benzol und Blei mehr. Seit 1990 ist z.B. die Bleiemission in Deutschland um über 90 Prozent gesunken. Durch verbleites Benzin war der Wert bis dahin auch in der alten Bundesrepublik hoch.

Die Stickstoffdioxidwerte in Berlin liegen noch über den heutigen europäischen Grenzwerten, doch diese liegen weit unter denen der Zeit vor 1989. Beim Feinstaub (PM2,5) wird der seit 2020 gültige Richtgrenzwert von 20 µg/m³ im Jahresmittel derzeit eingehalten. Beim (PM10) wird der Wert gelegentlich überschritten. Da die von modernen Dieselmotoren ausgestoßene Luft sauberer ist als die eingesaugte, wird der Verkehr eine immer geringere Rolle beim Feinstaub spielen. 2019 stammte, laut Berliner Senat, nur 1/3 des in Berlin gemessenen Feinstaubs aus der Stadt. Und nur 26% kommen vom Verkehr.

Bundesweit fahren noch 36.000 Trabbis, da die Ostalgie zu steigendem Interesse führt nimmt die Zahl sogar noch zu, obwohl die Produktion 1990 eingestellt wurde. Restaurierte Wagen sind begehrt. 2018/19 stieg die Zahl der für den Straßenverkehr angemeldeten „Rennpappen“ um hunderte Fahrzeuge. Doch heute gibt es für den Trabbi Katalysatoren, die die Umweltbelastung reduzieren.

1,21 Millionen Pkw waren 2019 in Berlin zugelassen. Die Zahl stieg, da auch die Bevölkerungszahl zugenommen hat. Im Vergleich zu anderen Großstädten hat Berlin mit rund 340 Pkw pro 1000 Einwohner aber weiterhin einen bemerkenswert niedrigen Motorisierungsgrad.

Doch es gibt noch einiges zu tun. Freizeitkapitäne, Fahrgastschiffe und Frachtschiffe dürfen noch immer über die Spree tuckern, egal, wie sehr der Auspuff qualmt. Trotzdem ist der Mercedes Benz Hafen an der Eastside Gallery im Sommer eine gute Anlaufstelle für Touristen und der Uferweg ist eine schöne Alternative auf dem Weg zum The Wall Museum. Der Wind über der Spree sorgt für eine angenehm frische und saubere Luft.

Und wie steht es beim aktuellen Thema CO2? Die Berliner*innen produzieren 2020 pro Kopf deutlich weniger Emissionen als der Bundesdurchschnittsmensch. 4,9 Tonnen statt 9. Besonders die Veränderungen beim Hausbrand haben die Emission von CO2 aus fossilen Energieträgern verringert. Nach dem Mauerfall 1989 ist der Berliner CO2 Ausstoß bis 2010 stark gesunken. Durch die steigende Bevölkerungszahl und die wirtschaftliche Entwicklung stagniert der Berliner CO2 Ausstoß seit 2011.