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„Besser eine Mauer als ein Krieg.“

Es ist tragisch, dass mit der Mauer ein brutales Unterdrückungsinstrument zum international am besten bekannten Symbol Berlins wurde. Obwohl die Mauer nun schon seit Jahrzehnten vergangene Geschichte ist, wird die Stadt wohl noch lange hauptsächlich mit ihr assoziiert werden. Noch im Juni 1961 erklärte Walter Ulbricht öffentlich: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!“ Der Chef der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) wusste aber längst, dass alle anderen Wege gescheitert waren, die die massive Abwanderung der Bevölkerung Richtung freien Westen verhindern sollten. Schon seit 1952 hatte die Regierung der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) die sowjetische Besatzungszone zum Westen hin abgeriegelt.
Sechs Eisenbahnübergänge und fünf Übergänge für sonstige Fahrzeuge blieben für den Verkehr von der Bundesrepublik nach Westberlin offen. Doch hunderte Straßen wurden unterbrochen, Brücken abgebrochen und zehntausende Menschen auf der DDR Seite zwangsumgesiedelt.

Doch Westberlin war ein Schlupfloch für Flüchtlinge. Sie konnten von dort zwar nicht auf dem Landweg in die Bundesrepublik reisen, aber auf dem Luftweg. Die bundesdeutschen Behörden ermöglichten es ihnen, mit neuen Papieren die westalliierten Fluglinien von Westberlin aus zu benutzen. Mehr als eine Million Menschen hatten seit 1945 den Weg über Westberlin beschritten. Und täglich pendelten hunderttausende über die Berliner Sektorengrenzen, so war der Unterschied in der wirtschaftlichen Entwicklung für die DDR-Bürger unübersehbar. Im Jahr 1960 gingen rund 360.000 Menschen illegal in den Westen. Und das, obwohl darauf 3 Jahre Zuchthaus stand! Die DDR stand am Rande eines sozialen und ökonomischen Zusammenbruchs, weil besonders Fachkräfte abwanderten.

Die Fluchtroute über Westberlin wurde 1961 so stark genutzt, dass die DDR Führung sie unbedingt schließen musste. Sie bedrängte die sowjetische Regierung und schließlich gab Moskau nach. In der Nacht vom 12. zum 13. August versperrten Volkspolizei, Betriebskampfgruppen und Nationale Volksarmee (NVA) die um Westberlin verlaufende Sektorengrenze mit Stacheldrahtverhauen und ersten Steinwällen. Die Sperren zwischen den beiden Hälften Berlins waren 46 km lang, um ganz Westberlin herum waren es 155 km.

Die DDR hatte hoch gepokert doch die Reaktionen außerhalb Westdeutschlands waren zunächst zurückhaltend, denn man wusste nicht, ob Moskau hinter der Absperrung stand. General Lucius D. Clay ließ daher am Checkpoint Charly US Panzer auffahren. Filmaufnahmen zeigen das dramatische Geschehen als die großen Panzer mit Vollgas auf die Grenze zurollten, erst im allerletzten Moment vor der Grenzlinie bremsten und rutschend zum Stillstand kamen. Als auf der anderen Seite sowjetische Panzer erschienen, war klar: Moskau unterstützte die DDR Führung.

Für die Westalliierten war der Mauerbau eine gewisse Beruhigung. Bisher hatte man täglich mit einer Annektierung Westberlins gerechnet. Die allgemeine Haltung war: „Besser eine Mauer als ein Krieg.“ Man protestierte, unternahm aber nichts.

Am 26. August wurden die noch existierenden Übergänge auch für Westberliner geschlossen. Ostberlin feierte sich selbst für den Bau des „antifaschistischen Schutzwalls“, der angeblich den westlichen Imperialismus an der schleichenden Unterminierung der sozialistischen DDR hindern sollte. Doch nur fanatische Anhänger der SED glaubten der Propaganda. Zu offensichtlich war die Flucht von hunderttausenden Bürgern gewesen. Es gab eine kleine Anzahl von Menschen, die aus westlichen Staaten in die DDR einwanderten und diese wurden in der Propaganda überschwänglich gefeiert. Und aufs Schärfste überwacht, denn sie konnten ja Spione sein.

John F. Kennedy besuchte Westberlin und hielt am 26. Juni 1963 seine berühmte Rede mit dem Satz: „Ich bin ein Berliner“. Doch es änderte sich wenig, erst im folgenden Dezember durften erstmals wieder Westberliner Verwandte in Ostberlin besuchen.

Der 3. September 1971 brachte das Vier-Mächte-Abkommen über Berlin Reiseerleichterungen für Westberliner und Bürger der Bundesrepublik. Doch Westberliner hatten weiter einen anderen rechtlichen Status als andere Deutsche. Sie hatten z.B. nur einen sogenannten provisorischen Personalausweis. Doch jeder Westberliner und Westdeutsche konnte jederzeit in das andere Gebiet ziehen und dort den entsprechenden Ausweis erhalten. Die Wehrpflicht galt nicht in Westberlin und so zogen tausende junge Männer mit 18 Jahren aus der Bundesrepublik nach Berlin, um ihr zu entgehen.

Die Sperranlagen um Berlin bestanden aus einer einfachen Mauer auf der Ostseite im „Hinterland“, gefolgt vom sogenannten „Todesstreifen“ mit Reihen von Stacheldraht und massiven Hindernissen die Fahrzeuge aufhalten konnten. Richtung Westberlin folgten gitterartige Flächen mit nach oben gerichteten langen Metalldornen die das Überqueren verhindern sollten. An Wasserflächen, wie hier am Wall Museum, war das Wasser die letzte Sperre, ansonsten folgte eine Mauer aus Betonsegmenten. Diese Mauer, die sich einige Meter von der eigentlichen Staatsgrenze entfernt auf DDR Gebiet befand, ist das Gebilde, das man im Westen als „Die Mauer“ wahrnahm. Ihre „Westseite“ wurde von den Mauerkünstlern besprayt, nicht die Hinterlandmauer die man heute als Eastside Gallery als Kunstwerk bewundern kann.

Aufgrund der geographischen Bedingungen war es Ostberlinern meist möglich bis zur Hinterlandmauer zu gehen, ohne sofort verhaftet zu werden. In Brandenburg aber gab es ein Sperrgebiet vor ihr das nur, als besonders zuverlässig geltende DDR Bürger betreten durften. Doch jeder wurde sofort von den Wachtürmen aus beobachtet. Wer dachte, nachts durch den Todesstreifen schleichen zu können scheiterte meist an den elektronischen Überwachungsanlagen. Dazu dienten ständig hunderte Wachhunde in Laufanlagen als
biologische Alarmanlagen. Anders als an der Grenze zur Bundesrepublik gab es aber in Berlin keine ausgedehnten Minenfelder und Selbstschussanlagen.

Doch die DDR Grenzer waren nicht weniger tödlich. Die genaue Zahl der Todesopfer wird sich wohl nie feststellen lassen. Viele DDR Unterlagen wurden vernichtet. Die meisten Menschen in Ost und West hatten sich mit der Mauer arrangiert. Solange die Sowjetunion hinter der DDR Führung stand war eine Änderung der Situation Deutschlands nicht zu erwarten. Doch dann geschah das Wunder. Der Rüstungswettlauf hatte enorme Summen verschlungen und besonders der Ostblock litt darunter. Der Mangel an modernen Konsumgütern wurde von den Bürgern deutlich wahrgenommen. Denn man wusste, was im anderen Deutschland erhältlich war. Praktisch jeder Ostberliner empfing Westfernsehen und viele hatten Verwandte im Westen.

trabant

Der DDR Bürger der nach jahrelanger Wartezeit endlich einen PKW Trabant erhielt, war glücklich. Bis er auf einer der Transitautobahnen den Westfahrzeugen begegnete. Der luftgekühlte Zweitakter hat so indirekt viel zum Fall der DDR beigetragen. Die in der Propaganda betonte Überlegenheit des Sozialismus war eine so offensichtliche Lüge, dass sie nicht mehr glaubhaft war. Seit den 50er Jahren hatte man immer wieder erklärt, dass die DDR den Westen wirtschaftlich überholen würde. Mehr und mehr kursierten Flüsterwitze wie die vermeintliche Parole „Überholen ohne Einzuholen“. Und das obwohl die Staatssicherheit solche Kommentare notierte und Strafen drohten.

Mangels Devisen konnte die DDR nicht auf dem Weltmarkt einkaufen. So versuchte man mit allen Mitteln an Westgeld zu kommen. Die Bundesrepublik zahlte große Summen für die Transitrechte nach Westberlin und Menschen die die DDR besuchten mussten einen Zwangsumtausch leisten. Für eine D-Mark erhielten sie dabei eine Mark der DDR. Ein Wechselkurs, der weit von der Realität an den Finanzmärkten entfernt war, in den westlichen Wechselstuben erhielt man für die DDR Mark ein Vielfaches an D-Mark. In den Händen der DDR Bürger befanden sich D-Mark die sie aus Erbschaften oder als Geschenk erhalten hatten. Um sie abzuschöpfen wurden Geschäfte eingerichtet in denen Westwaren für Westgeld gekauft werden konnten. Da die Preise dort deutlich über den Einkaufspreisen lagen, machte der Staat dabei Gewinn. Und verärgerte die Bürger ohne Westgeld.

ostmark

Obwohl die Löhne gering waren, hatte der Mangel an Konsumgütern auch enorme Sparguthaben in DDR Mark zur Folge. Man richtete Geschäfte ein, in denen Mangelwaren für sehr hohe Preise gekauft werden konnten. Doch durch diesen Ausflug in den Kapitalismus verschlechterte man die Stimmung nur.

Die Krise erreichte in Polen den Siedepunkt. Auf der Danziger Werft streikten Arbeiter, angeführt von Lech Walesa. Papst Johannes Paul II. nutzte seinen Einfluss im katholischen Polen zur Vermittlung. Doch wichtiger, in der Sowjetunion hatte es enorme Veränderungen gegeben. Mit Michail Gorbatschow war ein Mann an die Macht gekommen der die Politik modernisierte. Endlich hatten Abrüstungsverhandlungen Erfolg. Und er wusste: die Wirtschaft des Ostblocks stand vor dem Zusammenbruch.

Präsident Reagans Rede am Brandenburger Tor vom 12. Juni 1987 wurde über das Westfernsehen in der DDR allgemein bekannt. „Tear down that wall“ schien plötzlich eine realistische Möglichkeit zu sein. Doch es dauerte noch über zwei Jahre bis Ungarn am 10. September 1989 die Grenze nach Österreich für DDR Bürger öffnete. Die Demonstrationen in der DDR waren von wenigen Menschen auf hunderttausende angewachsen. Zum Glück behielten die Anführer die Nerven und gaben der DDR Regierung keine Handhabe für eine blutige Niederschlagung der Proteste. Ohne Michail Gorbatschows Zustimmung wagte die SED nicht ihre Machtmittel einzusetzen.

Die enorme Propagandamaschine die den 40. Jahrestag der DDR bejubelte verpuffte. Der „Antifaschistische Schutzwall“ konnte nun umgangen werden. Die DDR-Regierung um Erich Honecker stürzte, zunächst glaubten andere SED Bonzen die Macht übernehmen und behalten zu können. Man glaubte mit einer kontrollierten Maueröffnung mit Visaanträgen ein Ventil schaffen zu können, doch binnen Tagen zerplatzten alle Illusionen.

Am 9. November wurde die Verkündung der Reisemöglichkeit zur Farce, gegen Abend erzwangen zehntausende Bürger an den Kontrollpunkten die Öffnung ohne Visum und Kontrollen. Auch wenn die DDR sich bis zur Wiedervereinigung noch einige Zeit dahinschleppte, beendete der 9. November 1989 die Geschichte der Mauer. Mauerspechte und Abrissunternehmen ließen nur wenig von ihr übrig.

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