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Ballonflucht aus der DDR

Die Deutsch-Deutsche Luftgrenze war weit massiver als nur Luft. Viele erfolgreiche Versuche fanden „unter“ der Grenze statt, zahlreiche Tunnel wurden gegraben, und wenn sie nicht verraten oder zufällig gefunden wurden, war die Methode manchmal erfolgreich. Andere Flüchtlinge versuchten es mit Verstecken in Fahrzeugen, die Grenztruppen kannten aber bald fast alle westlichen Fahrzeugtypen ganz genau.

Manche Flüchtlinge umgingen die Grenzanlagen, indem sie über die Ostsee flüchteten. Die intensive Überwachung machte diese Route ebenfalls sehr riskant. Die Flucht über die östlichen Nachbarländer war ebenfalls alles andere als einfach.

Es blieb also noch der Weg über die Mauer hinweg. Leitern, Kletterhaken oder die „Räuberleiter“ wurden bemüht. Manchmal gelang die Flucht, als die Maueranlagen noch überwindbar waren, aber oft endete sie im Feuer der Grenzsoldaten. An der Deutsch-Deutschen Grenze gab es dazu Selbstschussanlagen und Minenfelder.

Es war also nur natürlich, dass man den Blick noch weiter nach oben richtete. Immer wieder gab es Flugzeugentführungen und gelegentlich nutzen Agrarflieger ihre Sprühflugzeuge zur Flucht.

Neben diesen „Schwerer als Luft“-Fluggeräten blieb noch die Möglichkeit des Eigenbaus von „Leichter als Luft“-Apparaten. Der war jedoch ebenfalls mit großen Problemen verbunden. Zunächst musste man Zugang zu geeigneten Materialien haben, in der DDR konnte man nicht einfach in ein Geschäft gehen und Ballonseide kaufen.

Die Initiatoren der bekanntesten Ballonflucht, Peter Strelzyk und Günter Wetzel, waren Mitarbeiter der Kunststofffabrik VEB Polymer Pößneck. Im Stasi-Staat war das größte Risiko, sich anderen zu offenbaren. Nur zu oft war der vermeintlich zuverlässige „Freund“ ein informeller Mitarbeiter der Staatssicherheit.

Ein erster Ballonbauversuch scheiterte, der auf Umwegen beschaffte Futterstoff aus einer Ledertaschenfabrik war nicht dicht genug. Monate mühsamer Arbeiten waren umsonst.

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Die beiden Männer gaben sich daraufhin in einem Leipziger Kaufhaus als Mitglieder eines Segelklubs aus. Auf diesem Weg gelangten sie an genug Kraftstoff für ihren zweiten Ballon. Doch der Ballon hatte einen neuen Konstruktionsfehler, die Gondel war zu klein für beide Familien. So unternahmen nur die Strelzyks in der Nacht vom 3. zum 4. Juli 1979 den Fluchtversuch. Sie starteten von einer Wiese bei Heinersdorf. Doch das Wetter war ungünstig und der Ballonstoff saugte sich mit Wasser voll. Nach wenig mehr als einer halben Stunde endete die Fahrt zwei Kilometer vor den Grenzanlagen. Sie landeten bei Hornsgrün im Wald. Die Umstände machten es unmöglich den Heißluftbrenner und andere Dinge zu bergen. Doch sie waren schon glücklich, unentdeckt heimkehren zu können. In gewisser Weise half ihnen die Paranoia der DDR-Offiziellen, denn der Wald lag im Sperrgebiet, das niemand betreten durfte: Ein Volkspolizist fand den Ballon zwar beim Holzsammeln, da er aber keine Genehmigung zum Betreten des Waldes hatte, schwieg er. Erst am 20. Juli fand ein Jäger die Reste, die Stasi leitete sofort eine Fahndung ein. Am 14. August verbreite sie Informationen über die aufgefundenen Teile und rief zur Mithilfe der Bevölkerung auf. Dabei wurde aber nicht auf das Wesen der „schweren Straftat“ eingegangen, man wusste, dass Republikflucht viele Sympathisanten hatte.

Die beiden Familien machten sich an einen dritten Ballon. Das Material wurde in kleinen Mengen in verschiedenen Geschäften gekauft. Regenschirmseide, Zeltnylonstoff, Taft und andere Stoffe wurden in der Hülle vernäht. Dieser Ballon war 28m hoch bei einem Durchmesser von bis zu 20m. Nach dem Misserfolg hatten sie diesmal eine passende Gondel gebaut. Eine Plattform von 140 x 140 cm erhielt vier 80 cm hohe Eckpfosten, eine Wäscheleine bildete die „Wand“. Die Mitte wurde von vier Propangasflaschen eingenommen.

Kaum war der Ballon am 15. September 1979 fertig, gab es günstige Wetterbedingungen, vor allem in Bezug auf Windrichtung und Stärke. Als Startplatz diente die gleiche Wiese wie beim ersten Fluchtversuch. Die Flüchtlinge kauerten sich mit dem Rücken zur Wäscheleine auf die enge Plattform – und die Fahrt begann. Nach 28 Minuten landete der Ballon. Die Frauen und Kinder versteckten sich und die beiden Männer sahen sich um. Nach einiger Zeit trafen sie auf eine bayerische Polizeistreife, die ihnen bestätigte: sie waren in einem Wald bei Naila im Landkreis Hof gelandet!

Die westlichen Medien überschlugen sich. Die Flucht wurde als Sensation wahrgenommen. Die Freundschaft der beiden Familien überlebte den Rummel nicht. Strelzyk eröffnete ein Elektrogeschäft in Bad Kissingen, Wetzel arbeite als Meister in einem Kfz-Betrieb. Ein Freund Strelzyks kam als vermeintlicher Fluchthelfer in Haft, 1982 von der Bundesrepublik freigekauft, nahm er eine Stelle in Strelzyks Geschäft an. Wie sich später herausstellte, war er von der Stasi angeworben, die erfolgreichen Flüchtlinge zu überwachen. Das MfS behielt auch die Wetzels unter Beobachtung. Die Operation „Birne“ wurde gestartet, um den Flüchtlingen das Leben zur Hölle zu machen. Die Stasi war rachsüchtig.

Nach dem Mauerfall zogen die Strelzyks zurück nach Pößneck. Peter Strelzyk starb am 11. März 2017 im Alter von 74 Jahren.

Die Ballonhülle soll ab 2019 in Regensburg im Museum für bayerische Geschichte ausgestellt werden.

Wie nicht anders zu erwarten, nahm sich Hollywood der Geschichte an. Schon ein Jahr nach der Flucht wurde ein Film unter dem Titel: „Mit dem Wind nach Westen“ von Disney produziert und 1982 in die Kinos gebracht.

Die Familien hatten die Rechte an Disney verkauft und so war es nicht leicht, die Möglichkeit zu einer Neuverfilmung zu erlangen. Michael Herbig gab nicht auf und so kam eine deutsche Kinoproduktion im September 2018 unter dem Titel Ballon in die Kinos.

Beide Filme haben ihre Stärken und Schwächen. Wie so oft wurden die Ereignisse verändert. Die 2018er Version zeigt zum Beispiel nur zwei Ballonbauten und die Bauzeit erheblich verkürzt. Herbig setzt voll auf die Dramatik der Fluchtversuche, dabei kommt aber die alltägliche Situation des Lebens in der DDR etwas kurz. Die Rolle des MfS-Offiziers Seidel erhält eine Prominenz, die von einigen Kritikern als unverhältnismäßig angesehen wurde. Dass die im zweiten Ballon gefundenen Medikamente die Stasi zur Familie Strelzyk führen und dass die Durchsuchung ihrer Wohnung kurz nach dem Start erfolgt, ist der Dramatik und dem Drehbuchautor geschuldet. Aber eben diese Dramatik macht „Ballon“ zu einem großartigen Film.

Für „Bully“ Michael Herbig ist der Film, der am 27. September 2018 in die deutschen Kinos kam, die Erfüllung eines alten Traums. Schon Jahre vor der Klärung der Rechte hatte er sich mit dem DDR-Flüchtling Günter Wetzel getroffen. Er nahm Einsicht in die MfS-Akten und bestand darauf, die beiden im Film zu sehenden Ballons nicht am Computer zu animieren. Vielmehr ließ er sie eins zu eins nachbauen. „Ballon“ ist seine erste Produktion im dramatischen Genre, „Bully“ hat alle Herausforderungen souverän überwunden und ein sehenswertes Ergebnis erkämpft.

Mit der Frage eines Bayern: „Wie viele kommen denn da noch?“ erlaubt sich der Film einen Scherz auf die Flüchtlingskrise des 21. Jahrhunderts. Tatsächlich waren schon die DDR-Flüchtlinge im Westen nicht immer mit offenen Armen empfangen worden.

Die Geschichte kennt etliche Ballonfluchten, erfolgreiche und gescheiterte. So verließ Innenminister Leon Gambetta am 7. Oktober 1870 das belagerte Paris in einem Ballon, dem „Armand-Barbès“.

1981 baute ein Ehepaar in Sigridshorst bei Teltow vom Keller des Wohnhauses aus einen Tunnel. Doch nach 3 Monaten war der Tunnel noch mehrere hundert Meter zu kurz. Sie gaben auf. Das Paar stellte nun einen Ausreiseantrag für sich und den 10-jährigen Sohn, dieser wurde abgelehnt. Doch die Fluchtidee war nicht tot. Sie begannen mit dem Bau eines Ballons.

Im Mai 1982 wurde die geplante Flucht von einem entfernten Verwandten verraten, den sie um die Beschaffung von Gas gebeten hatten. Bei einer Hausdurchsuchung wurde der Tunnel im Keller entdeckt. Drei Monate später, am 19. Juli 1982, verurteilte das Kreisgericht Potsdam-Land das Ehepaar in nicht-öffentlicher Verhandlung „wegen mehrfacher Vorbereitung zum ungesetzlichen Grenzübertritt im schweren Fall“ zu drei Jahren bzw. zwei Jahren und sechs Monaten Gefängnis. Der Sohn wurde ihnen entzogen.

Die letzte DDR-Ballonflucht verlief noch tragischer. Für Winfried Freudenberg endete sie am 8. März 1989 tödlich. Beim Befüllen der Hülle mit Gas überrascht, schreckte seine Frau im letzten Moment zurück, so flog er allein. Der durch das fehlende Gewicht zu leichte Ballon schoss in die Luft. Der Sitz war ein Besenstiel, Gurte hielten den Mann fest. Die Kleidung war zu dünn für die 3.000m Hoehe, die er erreichte, schlimmer noch, das selbstgebaute Gasablassventil versagte. Gegen 7 Uhr morgens schwebte er über dem Flughafen Tegel. Sein Leiden dauerte fünf Stunden. Spaziergänger sahen den Ballon später über dem Teufelsberg. Als der Ballon sich langsam auf die Grenze an der anderen Seite Westberlins zubewegte, versuchte der verzweifelte Mann zur Hülle hochzuklettern. Es gelang ihm den Stoff aufzuschlitzen doch die Kraft verließ ihn. Über Zehlendorf stürzte er in den Tod. Die Hülle verfing sich in Bäumen an der Potsdamer Chaussee. Wenige Minuten trennten Freudenberg von der Freiheit.

Die Stasi begann die Untersuchung als „Vorgang Regler“ unter der Registriernummer XX/605/89. Die Stasi forschte, als wäre die DDR- Welt noch in Ordnung. Selbst nach der Maueröffnung arbeiteten die Mitarbeiter weiter an dem Fall. Erst am 20. November 1989 wurde die Ausspähung der Verwandten und Bekannten Freudenbergs beendet.

Hätte er statt Gas- einen Heißluftballon verwendet, hätte Freudenberg vermutlich Erfolg gehabt. Mit seinem Fluchtversuch endete das Kapitel der DDR Ballonfluchtversuche.

Der erfolgreiche Kinostart von „Bully“ Michael Herbigs „Ballon“ zeigt, wie tief das Thema im Bewusstsein der Menschen verhaftet geblieben ist. Auch fast 40 Jahren nach den Ereignissen bewegt die Ballonflucht die Menschen.

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